Januar 15, 2026

Über das Sehen

 

Immer mal wieder lese oder höre ich in letzter Zeit Berichte über die negative Lebensgestaltung oder Lebensführung des Schriftstellers, Malers und Dichters Hermann Hesse. Es sind Andeutungen, Berichte, Randbemerkungen. Quellen kann ich keine nennen, da es oft ein flüchtiges Aufblitzen in Medien ist. Es sind Momentaufnahmen, kaum greifbar und doch spürbar

Sie haben mich unangenehm berührt. Nicht genug, um ihnen Gewicht zu geben, aber genug, um innezuhalten. Denn mit ihnen stellt sich eine Frage, die größer ist als ihr Anlass:
Müssen Menschen, deren Werk wir lieben, deren Worte uns einmal oder noch getragen, getröstet oder verwandelt haben, automatisch auch „gute Menschen“ auf unserer persönlichen Werteskala sein?

Will ich diesen Berichten folgen und über einen Menschen urteilen, den ich nicht persönlich kenne? Will ich den Gedanken einiger folgen, die einen anderen Menschen aus der zeitlichen Distanz heraus beurteilen, ihn verurteilen?

Heute entscheide ich mich für diese, seine Gedanken:


Es ist nicht unsere Aufgabe, einander näher zu kommen,
so wenig wie Sonne und Mond zueinanderkommen
oder Meer und Land.

Unser Ziel ist, einander zu erkennen
und einer im anderen das zu sehen,
was er ist:
des Anderen Gegenstück und Ergänzung.

Hermann Hesse



Und du? Was erwartest du von den Menschen, deren Worte dich begleitet haben?

Müssen sie gut sein, damit ihr Werk dir etwas sagen darf? Oder genügt es, dass es dich berührt,
dass es dich ein Stück weitergetragen hat? Vielleicht liegt darin eine leise Freiheit: Wer erkennt, muss nicht verurteilen, darf Dinge auch stehenlassen.

Und manchmal genügt es, wenn ein Werk bleibt. 

Auch dann, wenn der Mensch dahinter nicht makellos war.



5 Kommentare:

  1. gute und interessante Gedanken über den Charakter eines Menschen den man bisher ganz anders *kannte - empfand und glaubte zu erkennen weil seine Lyrik ihn mit dir verband
    da kein Mensch auf Erden als makellos-schnörkellos perfekt und unschuldig geboren,lebte und starb von Gott erschaffen wurde haben auch wir weder das Recht noch den Anlass ihn zu beurteilen geschweige denn seine Lebensführung zu verurteilen, das wäre arrogant-überheblich und mehr als nur eine Anmassung sich über andere zu erheben und genausowenig ein guter Charakterzug...
    Für ihn spricht nur was er uns durch seine Kunst auf Erden schenkte und tat.
    Manipulationen durch Dritten sollte man niemals Glauben schenken...ich glaube nicht, dass man sich hierdurch auch nur für eine Sekunde besser fühlen würde..
    dir einen guten Morgen...angel

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  2. Liebe Erika, du hast eine gute Entscheidung getroffen kein Mensch ist makellos und jeder ist anders. Ich bewundere trotzdem seine Werke die sehr gerne habe... mir fällt ein damals in seinen Alter war die Welt wieder total anders wie die heutige...
    Nein ich bilde mir kein Urteil über ihn. Er bleibt mir so in Erinnerung wie ich ihn über seine Werke kenne...
    danke für diesen Anstoss sich so auszutauschen!
    Schönes Wochenende
    Lieben Gruss Elke

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  3. Liebe Erika,
    es berühren mich Menschen dann unangenehm, wenn sie anderen Menschen psychischen oder physischen Schaden zufügen. Da kann ich dann das Werk nicht mehr gut vom Künstler trennen. Es bleibt etwas Unangenehmes haften.
    Ich las einst in Lebenserinnerungen von Consuelo de Saint- Exupéry, ihr Gatte, den sie im Buch auch entschuldigt und verteidigt, hat ihr dennoch einiges angetan.
    Dass Hesse in seiner Seele keine Ruhe fand und er auch düstere Gedanken gegen andere Menschen hatte - kann man ihm sowas vorwerfen? Dazu kenne ich nicht genug und ich belasse es auch dabei.
    Ich erwarte keine Makellosigkeiten bei Menschen. Vielleicht suche ich in ihren Werken aber eine gewisse Glaubwürdigkeit, so möchte ich es nennen.
    Danke für Deine sehr interessanten Fragen und Anregungen,
    herzliche Grüße, C Stern

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  4. Hermann Hesse hatte die feine Gabe, mit seinen Werken Menschen zum Betrachten großer Lebensfragen zu inspirieren. Er beschönigte nichts. Er verhässlichte aber auch nichts. Er be-schrieb. Es werden oft in irgendwelchen Biografien z.B. heilige zu Zuckegestalten degradiert oder Künstler als egomanische Negativmenschen, als schizophren usw. posthum dargestellt.
    Ich liebe das Zitat, dass du hier anführst und das Foto dazu! Das ist Hesse!
    LG Dori

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  5. Erst mal beurteile ich den Menschen danach wie er mich berührt mit seiner Kunst. Es steht mir nicht zu ihn zu verurteilen. Vor Gott sind alle Menschen gleich und er allein weiss wie der Mensch wirklich in seinem Denken und Leben war. Ich kannte ihn nicht und muss auch nicht alles gut heißen. Alles hat immer zwei Seiten. Mehr kann ich dazu auch nicht sagen, weil ich mich nicht mit ihm befasst habe.
    Lieben Gruss, Klärchen

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