Januar 30, 2026

Menschenbilder – Wider das Vergessen

 Hörbuchrezension

Es gibt Hörbücher, die man hört - und solche, in die man eintritt. „Menschenbilder – Wider das Vergessen“ gehört zu den letzteren. Es führt nicht sanft heran, sondern es nimmt einen an die Hand und führt mitten hinein in ein Kapitel deutscher Geschichte, das lange (und vielleicht noch immer?) verdrängt, verkürzt oder entmenschlicht wurde. Und doch steht im Zentrum dieses Hörbuchs nicht das Grauen allein, sondern etwas anderes, etwas Widerständigeres: der beharrliche Blick auf den Menschen.

Indem es die dunklen Kammern der Geschichte der NS-Diktatur öffnet ermöglicht es zugleich den Blick auf die stille, leuchtende Persönlichkeit von Otto Pankok. Sein literarisch-musikalisches Denkmal wurde gesetzt von Sabine Schiffner, Elke Bader, Jan Rohlfing und vielen anderen, zugeneigten Menschen.

Dieses Hörbuch entfaltet seine Wirkung zunächst langsam, fast tastend - aber beharrlich. Es erzählt von Sinti und Roma, von einer jahrhundertealten Kultur, deren Geschichte und Tradition nur mündlich weitergegeben wurde. Es erzählt davon, dass Sprache ein Erinnerungsträger ist, von Begebenheiten, von Namen aus der Welt der Pflanzen und der von Tieren. Es erzählt davon, dass es in der Sprache der Roma kein Wort für Krieg gibt - ein Satz, der sich festsetzt und nicht mehr loslässt. Zugleich wird deutlich, wie aus anfänglicher Neugier einer sogenannten Mehrheitsgesellschaft über die Jahrhunderte hinweg Verachtung, Ausgrenzung und Gewalt wurde. Der Begriff „Zigeuner“, der im Hörbuch historisch eingeordnet wird, erscheint dabei als das, was er ist: eine Fremdbezeichnung, die beladen ist mit Vorurteilen, Abwertung und Gewalt.

Dieses Dunkel betritt ein besonderer Mensch: Otto Pankok.
Nicht als Held ohne Zweifel, sondern als Mensch. Als Künstler, der hinsah, wo andere wegsahen. Der zeichnete und malte, wo andere kategorisierten. Ein Maler und Mensch, der in seinen Bildern keine Typen festhielt, sondern Menschen. Es waren Kinder, Frauen, Alte, Gesichter mit Namen und Geschichten. Pankok nutzte zwar die Begriffe seiner Zeit, doch seine Kunst widersprach ihnen energisch. In seinen Kohlezeichnungen sind Sinti und Roma nicht exotisch, nicht romantisiert dargestellt, nicht herabgesetzt. Sie sind einfach das, was sie waren und sind: Menschen.

Besonders eindrücklich sind die dialogischen Passagen des Hörbuchs. Gespräche zwischen Otto Pankok, seiner Frau Hulda, seiner Tochter Eva und Überlebenden der Sinti und Roma verweben sich zu einem vielstimmigen Erinnerungsraum. Pankoks Stimme ist dabei nicht erhoben, sondern fragend, auch anklagend. Er berichtet voller Trauer von den Gräueln der nationalsozialistischen Verfolgung, von Zwangssterilisationen, Internierungen, Deportationen. Er macht sich selbst starke Vorwürfe, nicht genug getan zu haben. Hulda, seine Frau, erinnert ihn daran, dass er selbst Berufsverbot hatte, als „entarteter Künstler“ verfolgt wurde. Und doch bleibt der Schmerz. Eva, die Tochter wiederum,  verweist auf seine Bilder, auf die Kunst als Mahnmal - als etwas, das bleibt, wenn Worte versagen.

Die Berichte der Betroffenen sind nur schwer auszuhalten. Eine junge Frau erzählt von Sterilisationen ohne Betäubung, von den Schmerzen und dem Jammern der Frauen nach dem Eingriff. Andere berichten von Brandmarkungen, Z, von Lagern, von der Rückkehr nach dem Krieg und ihrer Angst, erneut interniert zu werden. Der Völkermord an den Sinti und Roma trägt in ihrer Sprache den Namen Poreimos, das Verschlingen. Ein grausames Omen.

 

Dass dieser Völkermord in Deutschland erst spät anerkannt wurde, dass Wiedergutmachung vielfach ausblieb, wird im Hörbuch nicht anklagend, sondern erschreckend nüchtern benannt. Doch gerade darin liegt seine Wucht.

Zwischen all diesen Stimmen erklingt immer wieder Musik. Gitarrenklänge, Gesang, Pausen. Die Musik erklärt nichts, sie lässt Raum. Raum zum Atmen, zum Verstehen, zum Integrieren dessen, was gehört wurde. Diese musikalischen Zwischenräume sind kein Beiwerk, sondern Teil der ethischen Haltung des Hörbuchs und der Kultur der Menschen: Es zwingt nicht, es lädt ein, es lässt zu.

Immer wieder kehren die Gespräche zurück zu einzelnen Menschen: zu Ehra, dem Mädchen mit den wilden Haaren, das als Bild an Pankoks Wand hängt. Zu Mami Fisili, der Großmutter des Heinefelds. Zu Raklo, dem blonden deutschen Jungen, der bei den Sinti ein Zuhause fand und früh im Krieg starb. Diese Erinnerungen machen sichtbar, was Statistik nie leisten kann: das gelebte Leben, das Abgebrochene, das Unabgegoltene.

„Menschenbilder – Wider das Vergessen“ ist kein bequemes Hörbuch. Es ist auch kein rein historisches. Es wirkt bis in die Gegenwart hinein, dorthin, wo Vorurteile fortbestehen, wo Armut individualisiert, Schuld verschoben und Verantwortung verweigert wird. Das Hörbuch widerspricht dem hartnäckigen Wunsch, diese Geschichte möge endlich verschwinden. Es besteht darauf, dass Erinnern keine Last ist, sondern eine Verpflichtung.

Wer dieses Hörbuch hört, hört nicht nur zu.
Er oder sie wird angesprochen - als Mensch ...



https://www.netgalley.de/catalog/book/782055




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