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Januar 17, 2025

Heißes Blut

 

von Un-Su Kim ist der Titel des Romans, den ich in der letzten Woche gelesen habe. Meine Reise hat mich wieder in ein fernes Land geführt, dieses Mal nach Südkorea. Ich denke, es ist das Fremde, das mich so fasziniert an den Romanen aus Japan, Korea oder China und anderen. Fremde Kulturen und Lebenswelten, die ich in der Abgeschiedenheit meines Dorfes nicht mehr finde. Dinge wie Kunst, Kultur oder  landestypische Küche, die in Frankfurt oder Hamburg selbstverständlich waren und sind, finden hier nicht statt. So lasse ich mir davon erzählen und freue mich über das Unbekannte, das fremde Leben, das aus den Buchseiten zu mir kommt. 

Der Roman spielt in der Hafenstadt Busan (Südkorea) und folgt Hee-soo, einem kleinen Gangster, der in der unheilen Welt des organisierten Verbrechens aufgewachsen ist. Dem Protagonisten scheint es zu gelingen, in einer Welt voller Korruption und Verrat eine gewisse moralische Integrität zu bewahren. Hee-soo ist ein loyaler Mann, der sich nach einem ruhigeren Leben sehnt. Sein innerer Kampf, das Richtige zu tun, gibt der Geschichte einen Hauch von Hoffnung und Menschlichkeit. Aber: seine Vergangenheit und die skrupellosen Machtkämpfe in der Unterwelt lassen ihn nicht los.

Als sein Boss von einem ehrgeizigen Rivalen bedroht wird, gerät Hee-soo in einen Strudel aus Verrat, Gewalt und Machtspielen. Während er versucht, seine eigene Moral in dieser grausamen Welt zu bewahren, wird er mit schicksalhaften Entscheidungen konfrontiert, die sein Leben und seine Zukunft verändern könnten.

Heißes Blut ist eine düstere, atmosphärische Geschichte über Loyalität, Verrat und die Hoffnung auf einen Neuanfang, die mich gefesselt hat, ohne dass ich genau sagen kann warum. Düstere Krimis gehören nicht zu meinem bevorzugten Lesestoff - aber vielleicht war es gerade das, was mich faszinierte. Viele Figuren im Roman sind nicht rein böse oder gut, sondern vielschichtig. Das macht das Lesen für mich sehr eindringlich; selbst in den dunkelsten Charakteren kann man menschliche Züge, etwas Gutes erkennen.

Auch die Zweifel des Protagonisten und der Wunsch, dieses Leben hinter sich zu lassen und einen friedlicheren Weg zu finden, ist ein universelles und positives Thema, das man ja häufig selbst reflektiert.  Doch Hee-soos Schicksal bleibt tatsächlich offen, was den Roman umso realistischer und eindringlicher macht. Es spiegelt die Unsicherheit wider, die mit einem Leben in der Unterwelt verbunden ist, denn selbst wenn jemand entkommen möchte, ist der Weg hinaus oft voller Hindernisse und ohne Garantien.

Dass es keine klare neue Perspektive für Hee-soo gibt, unterstreicht die Tragik seiner Situation. Der Roman zeigt, wie schwer es ist, aus einer Welt auszubrechen, die einen von klein auf geprägt hat. 


Bild von einer KI generiert


Oktober 27, 2024

Geschichten

Es sind unsere Geschichten,

Die uns wieder erschaffen,

Wenn wir zerrissen, verwundet,

Ja, vernichtet sind.


Doris Lessing 22.10.1919 - 17.11.2013



Es sind aber auch die Geschichten anderer Menschen, die uns immer wieder berühren, faszinieren, in die Arme nehmen. Solche Geschichten habe ich bei Michiko Aoyama gefunden. In ihrem Buch "Frau Komachi emphiehlt ein Buch" lese ich von Menschen, die eher zufällig ein Gemeindezentrum in ihrem Wohnbezirk, irgendwo in Japan, betreten. Es gibt unterschiedliche Gründe für ihren Besuch aber alle landen in der kleinen Bibliothek, die von zwei Mitarbeiterinnen betreut wird. Eine Mitarbeiterin ist Frau Komachi, die es schafft, für jede und jeden das geeignete Buch zu empfehlen und damit eine Wende oder ein Umdenken, im Leben der jeweilig Lesenden zu schaffen. Der Anfang eines Beratungsgesprächs steht immer die Frage: "Was suchen sie?". Diese drei Worte denke ich mir irgendwann auch als Leserin. Was suche ich in einem Buch, in den Gedanken anderer. Und mit dieser Frage lande ich auch bei mir. Es sind die Geschichten, die ich suche, das erzählte Leben anderer Menschen. Ohne dass ich jetzt eine tiefgründige Analyse zum Geschichtenerzählen verfassen möchte, spüre ich das Lagerfeuer früherer Zeiten. Das Feuer, an dem Menschen sitzen und sich Geschichten erzählen.


Ich mag diese wie zufällig arrangierte Treffen der Protagonisten, über ihre eigene Geschichten hinaus. Sie treffen einander ohne Absicht und ergänzen die Geschichten der anderen Protagonisten. Mir gefällt sehr, wie Michiko Aoyama zeigt, dass wir alle miteinander verwoben sind ... ohne es zu merken. 



Gerade gelesen habe  Laura Imai Messinas neuen Roman. Er heißt: "Das Archiv der Herzschläge". 

Der Klappentext lautet:

"Im Südwesten Japans, liegt eine einzigartige kleine Insel: Teshima. An der Ostspitze der Insel steht ein Gebäude, in dem die Herzschläge von Zehntausenden von Menschen katalogisiert sind, lebenden und toten, die von den unterschiedlichsten Orten der Welt stammen. Es heißt Shinzō-on no Ākaibu, das Archiv der Herzschläge. Shūichi ist ein bekannter Illustrator, und hat eine Narbe in der Mitte seiner Brust. Er wird von seinem eigenen Herzschlag verfolgt, dem er jede Nacht lauscht, so als wolle er ihn an etwas erinnern, das teilweise im Dunkeln liegt. Als Shūichi nach dem Tod der Mutter in sein Elternhaus am Rande von Tokio zurückkehrt, macht er Bekanntschaft mit einem Jungen, der wie ein Schatten um das Haus schleicht. Shūichi und der achtjährige Kenta gehen eine außergewöhnliche Verbindung ein, die es ihnen ermöglicht, das Vergangene nicht länger zu verdrängen. Ihr Weg wird die beiden nach Teshima führen."


Eine bewegende Geschichte, die über Freundschaft und Liebe erzählt. Sie erinnert mich an meine eigene Kindheit. Besonders, wenn die Autorin ihren erwachsenen Helden sagen lässt: "Die Kindheit kann eine schreckliche Zeit sein". 

Es ist eine völlig subjektive Zeit, in der Individuen ihren eigenen Kosmos und den der anderen kennenlernen und erkunden. So entdecken Shūichi und Kenta Gemeinsamkeiten in ihrer beider Leben, die verblüffend sind. Der Erwachsene, der sich mit seinen Illustrationen einen Teil dieser magischen Kind-Zeit bewahrt hat und das Kind, das so viel mehr weiß, als es zunächst scheint. Mir gefällt, wie die Autorin Bezugspunkte zu ihren anderen Romanen knüpft. Besonders zu meinem Lieblingsbuch " Das verborgene Leben der Farben", über das ich hier ein wenig geschrieben habe. Wir treffen Protagonisten wieder, die dort schon eine Rolle gespielt haben und die Geschichten verweben sich in- und miteinander. 


*****

Am Ende meines Postings möchte ich noch ein Zitat widergeben, das Shūichi in sein Notizbuch schrieb:

"Man kann über seine glücklichen Tage nicht viel sagen", fuhr die Sphinx nach einem langen Schweigen fort, "das Glück hasst die Worte".


Friedrich Dürrenmatt

Das Sterben der Pythia









Oktober 20, 2024

Reden sie nie mit Unbekannten

schickt der Autor Michail Bulgakow seinem Roman "Meister und Margarita" voraus. Wieviel Wahrheit in diesen wenigen Worten stecken kann, wird schon bald deutlich. Bereits vor einigen Wochen habe ich diesen lesenswerten Roman aus dem Moskau der 1930er Jahre gelesen. Der ANACONDA Verlag schreibt auf der Rückseite des Buches das Folgende: Der Teufel sucht die Stadt heim und stürzt ihre Bewohner mit tatkräftiger Unterstützung seiner Zauberlehrlinge in ein Chaos aus Hypnose, Spuk und Zerstörung. Es ist die verdiente Strafe für Heuchelei, Korruption und Mittelmaß. Doch zwei Gerechte genießen des Teufels Sympathie: der im Irrenhaus sitzende Schriftsteller, genannt der "Meister" und Margarita, seine einstige Geliebte. Bulgakows Gesellschaftssatire aus der Sowjetzeit ist ein faustisch-fantastisches Meisterwerk. 


Wer kluge Dialoge mag, Freude hat an ausgefeilten Wortspielen, wird mit diesem Buch eine Reise in eine fantastische Welt antreten, die in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts Kultstatus errungen hat. Eine Satire verwoben mit einer Liebesgeschichte, die sich um den Meister und Margarita dreht, entführt die Leserin und den Leser in eine Zeit, die vergangen ist, die aber dennoch aktuell zu sein scheint. 

Was war noch interessant? Die Ausstellung "Wrapped" in der Lüneburger Kulturbäckerei. Wer erinnert sich noch an Christo und Jeanne-Claude und deren Arbeiten, seine Verhüllungen rund um die Welt? Im Mittelpunkt der Ausstellung stand der Prozess dieser Kunst. Die jahrelangen Vorbereitungen, Skizzen, Collagen, Fotos usw. Die Idee war, Dinge des alltäglichen Lebens einzuhüllen, zu verpacken. Das ist dem Künstlerpaar wunderbar gelungen. Besonders monumentale Objekte, wie z.B. die Verhüllung des Reichstages und ganzer Landschaften, hat unglaublich viele Kunstinteressierte begeistert. Eine kleine, feine Ausstellung, die ich gerne besucht habe und in der ich ein wenig in Erinnerungen schwelgen durfte.  





Oktober 09, 2024

Oktobertage


Die Tage sind merklich kürzer geworden, der Abschied des Lichts in die dunkle Jahreszeit. Ein guter Grund freie Minuten und Stunden in der Natur zu verbringen und mit Sonnenstrahlen durch die Wälder zu laufen.




An  Nachmittagen und Abenden locken Bücher mit ihren Geschichten, denen ich lesend lausche. Iris Wolffs Roman "Die Unschärfe der Welt", hier die Ausgabe der Büchergilde Gutenberg, erzählt eine Familiengeschichte, die im Banat spielt. Es ist ein Roman, der von vier Generationen erzählt. Wie schafft er das auf 213 Seiten? Es sind Geschichten aus dem Leben der Handelnden, die erzählt werden. Prosaisch sind sie und dennoch voller Magie. Natürlich geht es um die Liebe. Geht es nicht immer um die Liebe? Von der wir erfahren und die in Begebenheiten eingebettet, erzählt wird. Von Lebenswegen und Freundschaft schreibt die Autorin, von Schicksalsschlägen und Distanz, eigentlich von allem, was wir selbst im Laufe der Jahre erleben.


Es sind schöne Bilder, die Iris Wolff malt, obwohl die Lebensalter der Protagonisten fern scheinen. Es sind offenbar nur junge Menschen, die sich verlieben und das weckt Erinnerungen an eigene Verliebtheiten, verliebte Zeiten, an die Jugend und das Leben. Vielleicht liegt darin der Zauber der Geschichten. Sie entführen uns zu uns selbst, ohne dass wir es merken und schon liebt man dieses Buch.


Dem Roman stellt die Autorin Worte von Richard Wagner voran:


Ich sah 

den Stein schmelzen

und die Liebe gehen


ruft der Vogel

aus dem Baum.


Wir sagen:

Er singt.















August 30, 2024

Wie kommen Bücher zu mir?

Oft sind es Gedanken oder Sätze die mir auffallen, mich ansprechen oder in einen inneren Dialog mit mir gehen. Oder ich lese über Biografien von Autorinnen und Autoren, die ich interessant finde, die mich neugierig machen, mehr zu lesen. Bestsellerlisten gehören nicht zu meiner Lektüre und trotzdem stellen sich viele der literarischen Kostbarkeiten als Schätze heraus. Wie z.B. die Autorin Olga Tokarczuk, geboren 1962, eine polnische Psychologin und Autorin, die ich im Juni entdeckt habe. Im Jahr 2019 erhielt sie für ihr Buch „Unrast“ rückwirkend den Nobelpreis für Literatur des Jahres 2018, der zuvor nicht vergeben wurde.

Heute stelle ich ihr Buch „Der Gesang der Fledermäuse“ vor. Ein moralischer Thriller, so heißt es im Klappentext, der den Leserinnen und Lesern die Erzählerin, Janina Duszejko, näherbringt. Sie lebt alleine auf einem Hochplateau des Glatzer Kessel (siehe unten ***), irgendwo am Rande der zivilisierten Welt, wo sie ihren Leidenschaften, der Astrologie und der Wortkunst - und ihre Liebe zu Tieren lebt.

Als in ihrer Umgebung eine Leiche nach der anderen gefunden wird, scheint sie der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein. Dabei nutzt sie, die allgemein als Verrückte angesehen wird, das „unauffällige Erscheinungsbild einer alten Frau, oft mit einer Plastiktüte in der Hand“, irgendwo unterwegs auf Feld- und Waldwegen.  

Das unauffällige Erscheinungsbild einer alten Frau, steht da. Wo fängt es an? Wie sehe ich ältere Frauen in meinem Alltag, auf meinen Wegen und wie sehen sie mich? Das sind Gedanken, die sich zu ergründen lohnen. Und ich kann mir vorstellen, dass Bücher und die Gedanken anderer Autorinnen hilfreich sind, sich dieser Thematik zu stellen. Noch ein anderer Gedanke keimt in mir auf. Versteckt der Titel noch eine untergründige Botschaft? Dürfen ältere Damen als singende Fledermäuse interpretiert werden? Eine Gattung, die man am Tage nicht sieht und deren Lieder und Gesänge für Menschenohren nicht hörbar sind. Und, deren Aufenthaltsorte als düster und melancholisch gelten dürfen. Hmmm ...

Ich liebe den Roman, die Stimmung des Waldes, die Sprache, die die Autorin erdacht hat und die vielen nachdenklich stimmenden Sätze, die mich immer wieder überrascht und erfreut haben. So denkt die Protagonistin beispielsweise über einen ihrer Nachbarn: „… und es sieht so aus, als hätte er beschlossen, ein neues Leben zu beginnen, wie jeder, dem die Ideen und die Mittel für das alte Leben ausgegangen sind“.

Oder sie philosophiert über eine alternde Realität: „Heute wagt es niemand mehr, etwas Neues zu denken. Alle sagen nur pausenlos, wie es ist, und spinnen die alten Gedanken weiter.“

Das sind Gedanken, die man stundenlang weiterspinnen könnte und oft tue ich das auch für mich, in meinem Kämmerlein und auf meinen Spaziergängen.

Eine Theorie, die die Autorin ihre Ich-Erzählerin denken lässt, fasziniert mich ebenfalls sehr. Sie schreibt: „ … Ich glaube nämlich, unsere menschliche Psyche ist dazu da, um uns vor dem Anblick der Wahrheit zu bewahren. Um uns keinen direkten Einblick in den Mechanismus zu erlauben. Die Psyche ist unser Immunsystem - sie sorgt dafür, dass wir niemals verstehen, was um uns herum vorgeht. Hauptsächlich ist sie damit befasst, Informationen zu filtern, auch wenn die Möglichkeiten unseres Gehirns gigantisch sind. Doch alles Wissen wäre nicht zu ertragen. Denn jedes kleinste Teilchen der Welt ist aus Leid zusammengesetzt. ..."


So verwundert eigentlich das fulminante Ende des Romans nicht wirklich. Die Autorin hat zwar Hinweise gestreut, die aber in meinem Lesefluss untergegangen sind. Erst beim Nachlesen wurden sie für mich sichtbar. Ich hatte der Protagonistin zu viel Aufmerksamkeit entgegengebracht, und mein ungefiltertes Wohlwollen, vielleicht…


Vielleicht konnte ich euch neugierig machen auf dieses feine, nachdenkliche Buch und hoffe, dass ich nicht zu viel verraten habe. Meine Ausgabe ist die erste Auflage der deutschen Ausgabe aus dem Jahr 2011. Verlegt wurde das Buch bei Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung, Frankfurt am Main.

 

 

 

*** Glatzer Kessel (polnisch Kotlina Kłodzkatschechisch Kladská kotlina) ist eine geographische Bezeichnung für ein Gebiet innerhalb der ehemaligen Grafschaft Glatz. Das Gebiet entspricht seit Kriegsende 1945 weitgehend dem polnischen Powiat Kłodzki. Nach petrologisch-tektonischen Gesichtspunkten gehört es zum Landschaftsraum der Innersudetischen Senke.

Quelle: Wikipedia


KI-generiertes Bild



Februar 29, 2024

Welche Sprache trage ich heute ...

fragt Volha Hapeyeva. 


Copyright Photo: Stephan Pramme


„Sprache ist mein Leben“  - sagt Volha, welche und welcher mehr dazu wissen mag, folge bitte dem  
Link oder diesem weiterführenden Link

Bei wikipedia.org/wiki/Volha_Hapeyeva finde ich: Volha Hapeyeva (belarussisch Вольга Гапеева, deutsch Wolha Hapejewaenglisch Volha Hapeyeva; * 1982 in Minsk) ist eine belarussische Schriftstellerin, Dichterin, Übersetzerin und Linguistin. Ihr Name wird im Deutschen mit Wolha Hapejewa transkribiert, sie publiziert jedoch auch im deutschen Sprachraum unter ihrer englischen Schreibweise.

Volha Hapeyeva sagt: "Sprache ist mein Leben".  

Das ist so mutig und radikal - und ich bin so verliebt in diesen Satz, dass ich ihn mit euch teilen möchte. 

Im Original heißt Volhas Essay: "Which Language Are You Wearing Today"?

On Foreign and Home Languages

with Artworks by the Author



Mir liegt nur ein Ausdruck vor, den ich im Internet gefunden habe. 

Translation from German by Anna Bakinovskaia

English Editing by Annie Rutherford

Wenn andere Rechte vorliegen, bitte ich höflich um eine Mitteilung um sicher zu stellen, keine fremden Rechte zu verletzen.

*****

Warum lest ihr hier zur Zeit soviel über Bücher, Gedanken, Literatur? Nach meiner Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie und der Ausbildung zur Psychologischen Beraterin, erkenne ich immer tiefer, wie sehr Sprache (genauso wie Kunst) zum Menschen, Menschsein und zum Leben gehört.  Wie bereichernd sie sein kann aber wie in gleichem Maß auch  das Ungute damit einher gehen kann.  Selber wuchs ich in einer Familie mit sehr eigenen Sprachgebräuchen auf. Diese hatten Einfluss auf meine meine Rolle als Kind, Tochter und den damit einhergehenden Lern- und Sprachverhältnissen.

Derzeit bin ich Fernstudierende des Studienganges "Kreatives Schreiben". Ich erhoffe mir - auch für mein persönliches Wachsen - ein tieferes Verständnis von Sprache und Menschen, die mit Sprachen interagieren, mit ihnen leben . Das ist so ein weites Feld, immer wieder tun sich neue Möglichkeiten auf - und es freut mich, nach vielen Jahren einer anders bestimmten beruflichen Tätigkeit,  nun ein so herrlich weites Feld für mich gefunden zu haben.  

Nicht nur in meinem beruflichen Leben hatte ich immer wieder das Glück, auf Menschen zu treffen, die Sprache liebten und denen Sprache mehr war als nur schnöde Mitteilung eines Einkaufszettels oder einer Handlungsanweisung. Es ist im Nachhinein gleich, sie waren alle "Lehrer und Lehrerinnen oder Meister und Meisterinnen", denen ich zu Dank verpflichtet bin.

 

In einem weniger klar definierten Raum, handelt Annika Domainkos Roman,  "Ungefähre Tage". Ich habe das Buch neugierig aber auch mit einem weinenden Auge gelesen.                                                                                                                                                                                                                                                                          


                                                                                                                                                                                 Unklare Lebensverhältnisse beschreibt sie, die Autorin Annika Domainko, in ihrem Roman. Es sind Lebensverhältnisse, Lebensereignisse, die von Menschen, und die vom Leben und Arbeiten auf einer Station einer Psychiatrie, handeln. Umgekehrt aber auch von Menschen, die als Teil einer Erkrankung, in diese Form einer "Heilung" oder Besserung ihrer Symptome in bestimmten Kontexten verbleiben wollen oder müssen, ihnen zugeführt werden.  Hier trifft Pfleger Grün auf eine Frau, die ihn fasziniert. Die Autorin schreibt über „zwei haltlose Menschen, die sich getrieben von der Angst vor dem Zusammenbruch und von Kontrollverlust und sich daraus ergebenden Kontroll- und Machtverlust bewegen.

 Ein leiser Roman, teilweise beklemmend aber hinterfragend und aufmerksam schildernd. Ich habe ihn gerne gelesen. Und nicht nur hin und wieder mit der Frage im Kopf, wie würde ich agieren.

 *****




Im Winsener Buchladen habe ich mir Mangas angeschaut. So oft hatte ich (davor) das Gefühl, dass dies eine Form der Literatur ist, die vor allem jüngere Menschen, Leserinnen  und Leser betrifft. Doch ich habe erfahren, dass diese Gattung mittlerweile auch für "ältere Leser und Leserinnen" eine Bereicherung ist.

Gefunden habe ich ein Buch, das von einer „alten“ Frau erzählt, die einsam und dement ist, obwohl ihre Kinder sich liebevoll um sie kümmern. Sie erkennt ihre Enkeltochter nicht  mehr, erlebt viele Dinge anders, als ihre Tochter und deren Tochter. 

So wie der klassische Manga von hinten nach vorne, von rechts nach links gelesen wird, so entfaltete sich diese Geschichte, in der wir die Protagonistin rückwärts durch ihr Leben begleiten.


Yumi Sudo hat eine schöne Geschichte gewebt. Sie erzählt vom Leben zweier Frauen, die erst spät, zu spät, realisieren, dass sie ihr Leben gerne miteinander verbracht hätten … Entsprechend lautet auch der Titel: „Was bleibt von unseren Träumen?“

 Japan fasziniert ich gerade sehr. Es sind so ganz andere Lebenswelten, wobei mir natürlich bewusst ist, dass in Romanen und Berichten nur eine Annäherung stattfinden kann, die dem Vergleich mit der Gegenwart eher nicht standhalten wird. 


 Sehr gerne habe ich das Buch „Die letzte Konkubine“ gelesen. Es war eine völlig neue Welt für mich. Die Autorin, Lesley Downer, nimmt ihre Leser mit, in das „Edo-Zeitalter“, um 1860, in den Palast eines Shoguns in der Stadt Edo, dem heutigen Tokyo.
Lesley Downer ist die Tochter einer Chinesin und eines britischen Professors für Chinesisch, so dass sie natürlich in einem Haus voller Bücher über Asien aufwuchs. Trotz ihrer chinesischen Wurzeln interessiert sie sich mehr für Japan. 1978 ging sie zum ersten Mal dort hin und ließ sich sogar zur Geisha ausbilden. Insgesamt hat sie dort fünfzehn Jahre verbracht. Quelle

Mir war bis dahin nicht bewusst, dass die Konkubine eines Shogun in Japan, einen so hohen gesellschaftlichen Rang innehaben konnte. Die Autorin zeichnet „Frauenbilder“, die einen großen Kontrast zum heutigen Rollenverständnis von Frauen zeigen. Die Zeitschrift Brigitte wird auf dem Buchumschlag zitiert: „Ein opulenter Roman, der einen großartigen Einblick in die japanische Gesellschaft bietet“. Dem schließe ich mich an.

 


 Zuletzt noch ein Bild einer Kimekomi Puppe. Als Puppenliebhaberin und Puppenmacherin kam ich natürlich nicht umhin, nach Japanischen Schätzen Ausschau zu halten. Vielleicht mögt ihr sie ...










Noch ein Haiku, für diejenigen unter euch, die diese Form der Dichtung mögen:



Ich hab den Boten

unterwegs getroffen, öffne den Brief -

der Frühlingswind!


Kito


Quelle: dtv.de, München, 14. Auflage, München





Februar 19, 2024

Ein stiller Februar

begleitet meine Tage und Abende. Es ist Lesezeit, Zürückziehzeit und irgendwie Wartezeit. Im Garten sprießen erste Krokusse und an vielen Zweigen treiben Knospen aus. 


Es gibt - noch - nur wenige entspannte Stunden im grün-braunen Garten, der an sonnigen Tagen so einladend und vertraut ist, dass man die Kälte vergessen und sich an die Arbeit machen möchte. Ein neues Gartenjahr steht in den Startlöchern und es wird nicht lange dauern, bis alles blüht und frisches Grün die Beete füllt.  

Gerne ziehe ich mich in mein Zimmer zurück und lese. Viele Bücher sind eingezogen und zum Teil gelesen. "Babel", beispielsweise von R.F. Kuang, das die Büchergilde in einer schönen Ausgabe herausgegeben hat. Ein Roman über die Magie der Sprache(n), über das Leben junger Menschen, die an der Gewalt der Kolonialpolitik der Briten, im 19. Jahrhundert verzweifeln und ihren Widerstand. 


Und "Das verborgene Leben der Farben" von Laura Imai Messina. Besonders dieses Buch hat mein Herz erobert. Die Autorin erzählt vom Leben und von der Liebe einer Frau, die Farben anders wahrnimmt, als wir gewöhnlich Sehenden. Immer wieder haben mich schöne Gedanken und Sätze entzückt und ich werde das Buch noch einmal lesen, denke ich.


Dazwischen klebe ich Collagen in meinem "Briefmarkenbuch". Ich merke aber, dass die Bücher gerade eine stärkere Sogkraft entwickeln und gebe mich dem gerne hin. 









Bevor ich in den Tag starte, möchte ich meinem Posting noch ein 
Alt-Japanisches Gedicht hinzufügen:


"Die Jahre vergehen,
das Alter häuft sich,
doch der Anblick der Rosen
befreit mich von allen Sorgen."







Dezember 05, 2022

Ein Zuhause


Wo Träume und Wünsche geboren werden, Hoffnung und Freude. 

Auf der Suche nach sich selbst, ist die Begegnung mit der eigenen Intimsphäre ein wichtiger Moment. Die Begegnung im Körperhaus und dem Haus, das als "erweiterter" Körper in der Materie wahrnehmbar ist, findet statt - ob gewollt oder ungewollt. Einen Bund eingehen mit der unmittelbaren Umgebung, einem Zuhause, der der Kontrolle der Gesellschaft zunächst verborgen und entzogen ist, bedeutet einen Freiraum  zu erleben, zu dem man nur selber Zutritt hat. Ob dieser Freiraum geteilt werden will und wird, ist persönlich.

Was macht ein Haus zu einem Zuhause? Zuerst an die Grundbedürfnisse denken; Wärme, Schutz,  Geborgenheit, gutes Essen und ein behagliches Bett. Natürlich gehört viel mehr dazu. Ein gutes Zuhause ist ein Ort der Geborgenheit ist ein Ort an dem Gastfreundschaft herrscht. Ein Ort, den Ahninnen und Ahnen gerne besuchen, weil hier auch ihrer gedacht und mit ihnen kommuniziert  wird. Ein Ort, an dem mit anderen geredet und diskutiert wird, einer, an dem Bücher zu finden sind und Musik. Geschichten erzählen sich selbst und erfreuen auch die, die an kreativen Beschäftigungen Freude finden. Oder, wie Tolkien formulierte, ein Ort an dem man einfach nur sitzen und denken kann oder ein vergnüglicher Mix aus allem. 




Auslöser für diese Gedanken, ein Zitat von J.R.R. Tolkien, aus The Hobbit:

„Sein Haus war perfekt, egal, ob man Essen, Schlafen, Arbeiten, Geschichtenerzählen, Singen oder einfach nur Sitzen und Nachdenken mochte, oder eine angenehme Mischung aus allem. Böse Dinge kamen nicht in dieses Tal. Ich wünschte, ich hätte Zeit, Ihnen auch nur ein paar der Geschichten oder ein oder zwei der Lieder zu erzählen, die sie in diesem Haus gehört haben. Alle, auch die Ponys, wurden dort in wenigen Tagen erfrischt und kräftig. Ihre Kleidung wurde ebenso geflickt wie ihre Prellungen, ihr Temperament und ihre Hoffnungen. Ihre Taschen waren mit Lebensmitteln und Vorräten gefüllt, die leicht zu tragen, aber stark genug waren, um sie über die Bergpässe zu bringen. Ihre Pläne wurden mit den besten Ratschlägen verbessert. So kam es zur Mittsommernacht, und es sollte am Mittsommermorgen mit der frühen Sonne weitergehen.“







September 17, 2017

Elf

Elf lange Wochen ist Samira heute tot. Elf lange Wochen ohne Liebe und Freude. Und ich habe es Zuhause nicht ausgehalten und bin das erste Mal ohne sie auf einem unserer Lieblingswege gelaufen, den wir so oft und so gerne gemeinsam gegangen sind. Meistens spielend mit Ästen und Bällen oder zusammen mit anderen Hunden, als kleine Gang.




Zwischen Regenschauern und Gewittern lief ich ziemlich rasch. 
Merkte, dass ich es hinter mich bringen, mich nicht in Gedanken und Tränen verlieren wollte. Und fuhr schon nach einer Stunde wieder in mein Dorf zurück.

Dort angekommen fiel mir der dörfliche Bücherschrank ins Auge und ich habe angehalten. Und ein wenig in den Regalen gestöbert. Ich hoffte auf Ablenkung, vielleicht irgend etwas Kleines, nicht zu schwierig zu lesen, meiner Stimmung angemessen. Hin und wieder hat man Glück und findet kleine Schätze. Meine Auswahl heute: schräg. Aber seht selbst.




Wieder Zuhause habe ich mir Tee gekocht und diese vier auf dem Tisch arrangiert. Ich hatte die Idee, aus jedem der Bücher ein paar Sätze sozusagen heraus zu picken und mit Euch zu teilen. Mögt Ihr?



Ich beginne mit "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" von Peter Hoeg. Ich habe den Film zweimal gesehen, das Buch aber nie gelesen. Nun.
Da steht auf Seite 29, gleich oben folgendes: 





" ... Juliane Christiansen, die Mutter von Jessica, ist eine warme Empfehlung für die heilsame Wirkung des Alkohols. Wenn sie nüchtern ist, ist sie steif, stumm und gehemmt. Wenn sie voll ist, ist sie quietschvergnügt und spritzig.
Da sie heute morgen Antabus genommen und nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus sozusagen auf die Tabletten getrunken hat, tritt diese schöne Verwandlung natürlich durch den Schleier eines vergifteten Organismus zutage. ..."


Ist das zynisch? Ist das Sozialkritik auf niedrigem Niveau? Oder schreibt man heute einfach so? 


* * *


Das zweite Büchlein aus der Reihe "Das kleine Buch" ist eine "Bildergalerie für Groß und Klein" und zeigt "Alte deutsche Kinderbuch-Illustrationen"




Meine "Kinderseele) hatte sich auf leichte Kost gefreut und ich schlage Seite 22 auf. Hier wird ein zappelnder Knabe gezeigt, der mit blankem Hintern auf den Knien seiner Mutter liegt, während ihm diese den selbigen versohlt (die Abbildung ist auch auf dem Bucheinband unten rechts zu sehen). 

Man sollte meinen, dass dieses Vorgehen der Vergangenheit angehört.
 Mitnichten! Heute heißt es häusliche Gewalt und es wird noch immer fleißig geprügelt. Dem steht gegenüber, dass jedes Kind ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung hat. Realität ist, nach einer Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) aus 2016, dass in Deutschland mindestens zwölf Kinder am Tag misshandelt werden. Drei Kinder sterben in einer Woche.

* * * * *

Eigentlich verlässt mich gerade die Lust ein wenig, weiter über meine "Schätze" zu schreiben. Dann denke ich, okay, du hast doch noch das Buch von Dale Carnegie mitgenommen. Dieser Bestseller "Sorge dich nicht - lebe! " hat meinem zwiespältigen Gefühl vielleicht etwas entgegen zu setzen. Auch dieses Buch habe ich nie gelesen. Die Tatsache, dass jeder es kannte, hat es mir ein klein wenig unsympathisch gemacht. Hmm. Das Buch wurde 1944 zum ersten Mal veröffentlicht. Der Autor ist bereits vor vielen Jahren, 1955 gestorben.


Ich zitiere aus Seite 89: "Eine Zeit lang quälte Longfellow die Erinnerung an jenes schreckliche Ereignis so, dass er fast verrückt geworden wäre. Doch zum Glück waren noch seine drei kleinen Kinder da, die ihn brauchten. Trotz seines Kummers bemühte er sich, ihnen Vater und Mutter zugleich zu sein. Er ging mit ihnen spazieren, erzählte ihnen Geschichten, spielte mit ihnen und verewigte diese Zeit in seinem Gedicht "Die Kinderstunde". Außerdem übersetzte er Dante. Und all diese Pflichten hielten ihn so in Atem, dass er sich selbst darüber völlig vergass. Er fand seinen Seelenfrieden wieder."

Am Ende des Kapitels subsumiert er: "Jeder Psychiater wird Ihnen bestätigen, dass Arbeit - Beschäftigtsein - eines der wirksamsten bekannten Beruhigungsmittel für kranke Nerven ist."

Ein wenig schäme ich mich jetzt, das Buch bisher nicht gelesen zu haben. Ich finde Elemente, die mir vertraut und richtig erscheinen und möchte meine Einstellung bezüglich populärer Selbsthilfeliteratur einer Prüfung unterziehen. 

* * * * * 

Nun aber zu den "Menschen im Büro" Von Kafka zu Martin Walser - Vierzig Geschichten. 


Hier habe ich mir Friedrich Christian Delius heraus gepickt. Ein Stück Dokumentarliteratur - die Festschrift für Siemens: "Unsere Siemens-Mitarbeiter". 

"Die treuesten Mitarbeiter des Hauses sind von jeher in unserer Angestelltenschaft zu finden. Ob als Männer des Vertriebs oder der Finanzabteilung, ob als Sekretärinnen oder Meister - hier haben wir es mit Menschen zu tun, die sich voll mit ihrem Unternehmen, in das sie eingebettet sind, identifizieren. "..." - lediglich die Meister, die ihre soliden Führungsmethoden z.T. bei der Wehrmacht gelernt haben, spielen hier noch eine nicht zu unterschätzende Rolle "..."

Das ist Satire vom Feinsten und so geht es weiter. Es hat dem Autor aber eine Klage von Siemens beschert. Denn die sah in der Festrede eine "verleumderische Schmähschrift". Ich kann mir das Grinsen nicht verbeißen, möchte die Lektüre dieser Schrift daher gerne empfehlen. Ein bisschen nachdenklich macht es mich aber doch, wenn ich einen Vergleich zu heute ziehe. Die genannte Schrift stammt aus dem Jahr 1972, wie würde ähnliches heute aussehen? 


* * * * * 

Am Ende wird alles gut! Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende. (Oscar Wilde)



Deshalb möchte ich eine große Freude mit Euch teilen.


Gestern habe ich die Zusage erhalten, dass ich diese kleine Hündin adoptieren darf. Sie lebt in Rumänien und wurde dort von Tierschützern gerettet. Wenn alles gut wird, wird sie in sechs Wochen bei mir sein.

Ich wünsche Euch einen ruhigen und/ oder besinnlichen Sonntagabend, oder vielleicht seid Ihr ja noch unterwegs und liebt es in der Bewegung zu sein. Oder im Flow, ganz so, wie es Euch gut tut. Und mit Euch dieser Satz von Oscar Wilde:


Am Ende wird alles gut! Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.