Samstag, 25. Juni 2022

Leonies Chor

 



Leonie, Nelly Sachs, um 1910
Quelle: Wikipedia



Wir aber sind, seitdem wir Erde waren
Getrieben schon von euch durch soviel Tod -
Bist du ein Band, gepflückt von Totenhaaren
Geh ein zum Wunder, werde Brot.


Hier ist ein Buch, darin die Welten kreisen
Und das Geheimnis flüstert hinter einem Spalt -
Wirf es ins Feuer, Licht wird nicht verwaisen
Und Asche schläft sich neu zur Sterngestalt.


Und tragen wir der Menschenhände Siegel
Und ihre Augen-Blicke eingesenkt wie Raub
So lest uns wie verkehrte Schrift im Spiegel
Erst totes Ding und dann den Menschenstaub



Nelly Sachs, aus Chor der verlassenen Dinge




Montag, 6. Juni 2022

Mairegen





Du hast deine warme Seele
um mein verwittertes Herz geschlungen,
Und all seine dunklen Töne
Sind wie ferne Donner verklungen.

Aber es kann nicht mehr jauchzen
Mit seiner wilden Wunde,
Und wunschlos in deinem Arme
Liegt mein Mund auf deinem Munde.

Und ich höre dich leise weinen,
Und es ist – die Nacht bewegt sich kaum –
Als fiele ein Maienregen
Auf meinen greisen Traum.


 Else Lasker-Schüler






            Else Lasker-Schüler 1875 (Bild: gemeinfrei, Quelle: Wikipedia)





Mittwoch, 1. Juni 2022

Gedanken zum Leben


 und zu den Menschen, von Elisabeth Kübler-Ross:

Die schönsten Menschen, die ich kennen gelernt habe,
sind die, die Niederlagen einstecken mussten,
die Leid, Schicksalsschläge und Verlust erfahren haben,
und die es dennoch schafften,
immer wieder ihren Weg aus der Tiefe heraus zu finden.

Ihre Erfahrungen gaben ihnen eine Wertschätzung,
eine Empfindsamkeit und ein Verständnis vom Leben,
die sie in Mitgefühl, Sanftheit und in tiefer Liebe auf andere
Menschen zugehen lassen.

Ein schöner Mensch wird nicht geboren.
Ein Mensch wird schön durch die Kraft,
sich über seine Tiefschläge zu erheben und daran zu reifen.

Elisabeth Kübler-Ross











Elisabeth Kübler-Ross, Psychiaterin, Sterbeforscherin, Suchende

Donnerstag, 26. Mai 2022

Bäume

 





Immer sind es Bäume

die mich verzaubern

Aus ihrem Wurzelwerk schöpfe ich

die Kraft für mein Lied


Ihr Laub flüstert mir

grüne Geschichten

Jeder Baum ein Gebet

das den Himmel beschwört


Grün die Farbe der Gnade

Grün die Farbe des Glücks


(Rose Ausländer)





Freitag, 25. März 2022

Tarot

 




Wir waren 3 oder 4 junge Frauen in der Küche der Freundin,  damals in den 80ger Jahren,  die später einmal meine Küche werden sollte. Meine Freundin litt. Ihr langjähriger Partner und Verlobter hatte sie gerade wegen einer anderen verlassen. Ja natürlich, es sind immer die gleichen Geschichten. Vom Lieben und Leben vom Verlassen werden, vom Kommen  und vom Gehen.  

So  legten wir die Tarot Karten von Smith-Waite, die ich ein paar Tage vorher in der Bücherei des Ortes gekauft hatte. Und wooo, alles stimmte. Hinsichtlich Freude und Leid, konnte sie sich wieder erkennen, nur  was die  Zukunft betraf, wurde alles anders. Das stellte sich jedoch erst einige Jahre später heraus.

Plötzlich ein Krachen, ein Poltern, die Küchentüre flog laut zu und wir sahen uns höchst erschrocken an. Hatte das Legen der Karten eine so starke Wirkung auf anwesende Geistwesen, dass sie sich Gehör verschaffen wollten? Es wurde plötzlich sehr kalt in der Küche und wir alle sahen uns mit schreckgeweiteten Augen an. Konnte das sein? Vorbei war die Legung und irgendwie schien pure Angst in jeder von uns zu sein. Ich war mir keiner Unterlassung bewusst. Die Karten hatte ich „gereinigt“ und das Leben um uns herum,  um gute Energien gebeten.

Heute, nach vielen Jahren und anderen Geschehnissen, weiß ich diesen Hinweis zu schätzen. Ich bleibe hier bewusst allgemein. Es hatte damals vieles einen schönen Bezug zu Goethes Zauberlehrling, der versuchte, abseits des Meisters einen Zauberspruch zu wirken. Letztlich erkennend, dass die Geister, die er rief nur seine eigenen  waren ...  nicht die seines Meisters.

 



Für alle Freunde des Zauberlehrlings oder diejenigen, die ihn wieder lesen möchten, kopiere ich den Text hier hinein. Die Quelle ist  Wikipedia.

 

Der Zauberlehrling ist alleine und probiert einen Zauberspruch seines Meisters aus. Er verwandelt mittels Zauberspruch einen Besen in einen Knecht, der Wasser schleppen muss. Anfänglich ist der Zauberlehrling stolz auf sein Können, doch bald merkt er, wie er der Situation nicht mehr gewachsen ist.



Hat der alte Hexenmeister
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort und Werke
merkt ich und den Brauch,
und mit Geistesstärke
tu ich Wunder auch.

Walle! walle
Manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.

Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
bist schon lange Knecht gewesen:
nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
oben sei ein Kopf,
eile nun und gehe
mit dem Wassertopf!

Walle! walle
manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.

Seht, er läuft zum Ufer nieder,
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
und mit Blitzesschnelle wieder
ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
voll mit Wasser füllt!

Stehe! stehe!
denn wir haben
deiner Gaben
vollgemessen! –
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!

Ach, das Wort, worauf am Ende
er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
stürzen auf mich ein.

Nein, nicht länger
kann ichs lassen;
will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!

O du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!

Willst am Ende
gar nicht lassen?
Will dich fassen,
will dich halten
und das alte Holz behende
mit dem scharfen Beile spalten.

Seht da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
gleich, o Kobold, liegst du nieder;
krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich, brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
und ich atme frei!

Wehe! wehe!
Beide Teile
stehn in Eile
schon als Knechte
völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!

Und sie laufen! Naß und nässer
wirds im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör mich rufen! –
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.

»In die Ecke,
Besen, Besen!
Seids gewesen.
Denn als Geister
ruft euch nur
zu seinem Zwecke,
erst hervorder alte Meister.«




Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zauberlehrling