Mai 18, 2026

Alles beginnt mit der Sehnsucht

Source: https://de.wikipedia.org/wiki/Nelly_Sachs



 Alles beginnt mit der Sehnsucht,

immer ist im Herzen Raum für mehr,

für Schöneres, für Größeres.

Das ist des Menschen Größe und Not:

Sehnsucht nach Stille,

nach Freundschaft und Liebe…

 

So lass nun unsere Sehnsucht

damit anfangen,

Dich zu suchen,

und lass sie damit enden,

Dich gefunden zu haben.

 

Nelly Sachs,  geboren am 10. Dezember 1891 in Schöneberg, 

gestorben am 12. Mai 1970 in Stockholm



... Und versuchen immer wieder - und trotzdem in der Gegenwart zu bleiben … nicht wissend, weshalb Gedanken zeit- und raumlos sind. Uns berühren und wieder vergehen ...

 

Ist es möglich, den Stimmen in Kopf und Herz nicht zu folgen?

Kann ich die Angst vor Ablehnung loslassen?

Wie lausche ich der Stimme meiner Sehnsucht und bin vertraut in der Sprache meines Herzens?

Finde und vertraue ich meiner Schöpferinnenkraft? Pflege ich sie?





April 12, 2026

Man muß träumen wollen

 

Man muß träumen wollen,

um träumen zu können.

Die Vernünftigen träumen

nicht so schön, wie die Verrückten.

Bewahre dir deine Träume …

 

Charles Baudelaire 



Wovon träume ich? Gehöre ich zu den Vernünftigen oder zu den Verrückten? Sollte ich ein Traumtagebuch führen, um diesen Fragen auf den Grund zu gehen?

Warum halten nicht alle Menschen es, wie die australischen Aborigines, für die Träume Kultur und Religion in einem sind. In einer raum- und zeitlosen Schöpfung ist die Verbindung mit den spirituellen Ahnen der Landschaft, der Menschen, Tiere und Gesetze möglich. Eine jederzeit stattfindende Verbindung von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft - ein alles umfassendes Weltbild...



PS: In diesem Zusammenhang: Träumen Pflanzen? 








Die Liebende

 


 

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen

Hat mich etwas langsam abgebrochen

Von dem unbewussten dunkeln Jahr.


Etwas hat mein armes warmes Leben

Irgendeinem in die Hand gegeben,

der nicht weiß, was ich noch gestern war.

 

Rainer Maria Rilke






Januar 30, 2026

Menschenbilder – Wider das Vergessen

 Hörbuchrezension

Es gibt Hörbücher, die man hört - und solche, in die man eintritt. „Menschenbilder – Wider das Vergessen“ gehört zu den letzteren. Es führt nicht sanft heran, sondern es nimmt einen an die Hand und führt mitten hinein in ein Kapitel deutscher Geschichte, das lange (und vielleicht noch immer?) verdrängt, verkürzt oder entmenschlicht wurde. Und doch steht im Zentrum dieses Hörbuchs nicht das Grauen allein, sondern etwas anderes, etwas Widerständigeres: der beharrliche Blick auf den Menschen.

Indem es die dunklen Kammern der Geschichte der NS-Diktatur öffnet ermöglicht es zugleich den Blick auf die stille, leuchtende Persönlichkeit von Otto Pankok. Sein literarisch-musikalisches Denkmal wurde gesetzt von Sabine Schiffner, Elke Bader, Jan Rohlfing und vielen anderen, zugeneigten Menschen.

Dieses Hörbuch entfaltet seine Wirkung zunächst langsam, fast tastend - aber beharrlich. Es erzählt von Sinti und Roma, von einer jahrhundertealten Kultur, deren Geschichte und Tradition nur mündlich weitergegeben wurde. Es erzählt davon, dass Sprache ein Erinnerungsträger ist, von Begebenheiten, von Namen aus der Welt der Pflanzen und der von Tieren. Es erzählt davon, dass es in der Sprache der Roma kein Wort für Krieg gibt - ein Satz, der sich festsetzt und nicht mehr loslässt. Zugleich wird deutlich, wie aus anfänglicher Neugier einer sogenannten Mehrheitsgesellschaft über die Jahrhunderte hinweg Verachtung, Ausgrenzung und Gewalt wurde. Der Begriff „Zigeuner“, der im Hörbuch historisch eingeordnet wird, erscheint dabei als das, was er ist: eine Fremdbezeichnung, die beladen ist mit Vorurteilen, Abwertung und Gewalt.

Dieses Dunkel betritt ein besonderer Mensch: Otto Pankok.
Nicht als Held ohne Zweifel, sondern als Mensch. Als Künstler, der hinsah, wo andere wegsahen. Der zeichnete und malte, wo andere kategorisierten. Ein Maler und Mensch, der in seinen Bildern keine Typen festhielt, sondern Menschen. Es waren Kinder, Frauen, Alte, Gesichter mit Namen und Geschichten. Pankok nutzte zwar die Begriffe seiner Zeit, doch seine Kunst widersprach ihnen energisch. In seinen Kohlezeichnungen sind Sinti und Roma nicht exotisch, nicht romantisiert dargestellt, nicht herabgesetzt. Sie sind einfach das, was sie waren und sind: Menschen.

Besonders eindrücklich sind die dialogischen Passagen des Hörbuchs. Gespräche zwischen Otto Pankok, seiner Frau Hulda, seiner Tochter Eva und Überlebenden der Sinti und Roma, die sich zu einem vielstimmigen Erinnerungsraum verweben. Pankoks Stimme ist dabei nicht erhoben, sondern fragend, auch anklagend. Er berichtet voller Trauer von den Gräueln der nationalsozialistischen Verfolgung, von Zwangssterilisationen, Internierungen, Deportationen. Er macht sich selbst starke Vorwürfe, nicht genug getan zu haben. Hulda, seine Frau, erinnert ihn daran, dass er selbst Berufsverbot hatte, als „entarteter Künstler“ verfolgt wurde. Und doch bleibt der Schmerz. Eva, die Tochter wiederum,  verweist auf seine Bilder, auf die Kunst als Mahnmal - als etwas, das bleibt, wenn Worte versagen.

Die Berichte der Betroffenen sind nur schwer auszuhalten. Eine junge Frau erzählt von Sterilisationen ohne Betäubung, von den Schmerzen und dem Jammern der Frauen nach dem Eingriff. Andere berichten von Brandmarkungen, Z, von Lagern, von der Rückkehr nach dem Krieg und ihrer Angst, erneut interniert zu werden. Der Völkermord an den Sinti und Roma trägt in ihrer Sprache den Namen Poreimos, das Verschlingen. Ein grausames Omen.

 Dass dieser Völkermord in Deutschland erst spät anerkannt wurde, dass Wiedergutmachung vielfach ausblieb, wird im Hörbuch nicht anklagend, sondern erschreckend nüchtern benannt. Doch gerade darin liegt seine Wucht.

Zwischen all diesen Stimmen erklingt immer wieder Musik. Gitarrenklänge, Gesang, Pausen. Die Musik erklärt nichts, sie lässt Raum. Raum zum Atmen, zum Verstehen, zum Integrieren dessen, was gehört wurde. Diese musikalischen Zwischenräume sind kein Beiwerk, sondern Teil der ethischen Haltung des Hörbuchs und der Kultur der Menschen: Es zwingt nicht, es lädt ein, es lässt zu.

Immer wieder kehren die Gespräche zurück zu einzelnen Menschen: zu Ehra, dem Mädchen mit den wilden Haaren, das als Bild an Pankoks Wand hängt. Zu Mami Fisili, der Großmutter des Düsseldorfer Heinefelds. Zu Raklo, dem blonden deutschen Jungen, der bei den Sinti ein Zuhause fand und früh im Krieg starb. Diese Erinnerungen machen sichtbar, was Statistik nie leisten kann: das gelebte Leben, das Abgebrochene, das Unabgegoltene.

„Menschenbilder – Wider das Vergessen“ ist kein bequemes Hörbuch. Es ist auch kein rein historisches. Es wirkt bis in die Gegenwart hinein, dorthin, wo Vorurteile fortbestehen, wo Armut individualisiert, Schuld verschoben und Verantwortung verweigert wird. Das Hörbuch widerspricht dem hartnäckigen Wunsch, diese Geschichte möge endlich verschwinden. Es besteht darauf, dass Erinnern keine Last ist, sondern eine Verpflichtung.

Wer dieses Hörbuch hört, hört nicht nur zu.
Er oder sie wird angesprochen - als Mensch ...



https://www.netgalley.de/catalog/book/782055




Januar 27, 2026

Die Stunden …

 lautete der ursprüngliche Titel von Mrs Dalloway - einem Stück Weltliteratur, aus der Feder von Virginia Woolf. Er wird zur Gattung der experimentellen Literatur gezählt, da die Autorin neue Wege der Darstellung beschritten hat. Die äußere Handlung ist ein Tag im Leben einer Dame aus der Britischen Oberschicht, die Vorbereitungen für ein Dinner trifft, das am gleichen Abend stattfinden soll. Die Rahmenhandlung gibt Einblicke über die einzelnen Stunden dieses Tages - doch das Wesentliche findet in den Gedanken und Reflexionen der Protagonistin statt. Anhand scheinbar trivialer Begebenheiten erzählt Woolf die Gedanken einer Frau und eines Lebens, denen sie mit Akribie folgt.

Ich gebe zu, dass das Lesen des Buches eine Herausforderung für mich ist. Es scheint, dass der Leser, die Leserin von heute mit den detailreichen Facetten des Romans überfordert ist. Scheinbar fehlt es mir an der Zeit oder der Bereitschaft, die es braucht, um schwierigen eigenen und fremden Interessen, sprich Gedanken nachzugehen. Für mich ist der Film The Hours - Von Ewigkeit zu Ewigkeit deshalb eine große Hilfe, um einen Einstieg in das komplizierte Geflecht der Gedanken und Gefühle von Mrs Dalloway zu finden.

In der ARD Mediathek lese ich dazu, „dass ausgehend von Virginia Woolfs Roman 'Mrs. Dalloway', die Geschichten dreier Frauen entfaltet werden, die zu verschiedenen Zeiten leben, deren Schicksale aber durch das Buch, das einen Tag im Leben einer Frau beschreibt, miteinander verwoben sind.“ Der Film aus 2003 wird von wunderbaren Schauspielerinnen und Schauspielern getragen. Es sind, um nur drei von ihnen zu nennen: Meryl Streep, Julianne Moore und Nicole Kidman.

Der Link zum Film: https://www.ardmediathek.de/video/the-hours-von-ewigkeit-zu-ewigkeit/the-hours-von-ewigkeit-zu-ewigkeit/one/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLXNvcGhvcmEtZjk0MzFmODktMjFjMy00Yjg5LTlkOGUtOTJhOWUxMzlhMDU2


Vielleicht hat mir das Buch auch deswegen Schwierigkeiten bereitet, weil die Gestaltung - im Rahmen eines Semesterprojekts des Kommunikationsdesigns der Burg Giebichenstein, Kunsthochschule Halle, in Kooperation mit der Büchergilde Gutenberg entstanden - als außergewöhnlich zu bezeichnen ist. Die Illustrationen sind gewöhnungsbedürftig, das Seitenlayout ähnelt einer zu eng beschriebenen Schreibmaschinenseite und auf eine Seitenangabe wurde komplett verzichtet. Stattdessen wurde eine Uhr gewählt, die sich am Tagesverlauf orientiert. Der Fortschritt der Zeiger ist die einzige Orientierungshilfe im Verlauf des Tages und des Buches.


In der „preiswerten“ Ausgabe des Anaconda Verlags finde ich die Orientierung, die mir als Leserin mehr zusagt. Das Buch ist klein und handlich und regt mich stärker dazu an, für mich relevante Stellen im Internet zu recherchieren. Hier weist das obige Buch der Büchergilde ein „Zuviel“ auf,  da die Fußnoten für meinen Geschmack zu zahlreich sind und meinen Gedankenfluss stören.

Ist meine Einschätzung des Buches zu negativ? Vielleicht. Aber mir ist wieder bewusst geworden, wie sich Lesegewohnheiten auf den Genuss einer Lektüre, eines Buches auswirken. Der  Reiz des Lesens ist für mich unbedingt, dass ich eigene Bilder und Vorstellungen entwickeln kann, dass ich nicht bevormundet werde. Vielleicht hat mich deshalb der Film The Hours so berührt. Es sind leise Bilder, die Geschichten erzählen, ohne, dass sie meiner Phantasie Zügel anlegen.