Irgendwann im Sommer des letzten Jahres habe ich die „Die
Stadt und ihre ungewisse Mauer“ von Haruki Murakami gelesen. In Rezensionen
lese ich, dass es „ein später Roman“ ist. Murakami greift ein Thema auf, das
ihn schon früh beschäftigte. Der Roman basiert auf einer Erzählung, die er 1980
in einem Literaturmagazin veröffentlichte. Nun, viele Jahre später, hat er diese
Geschichte in ein umfassendes, vielschichtiges Werk verwandelt. Ein Werk, in
dem Realität und Erinnerung, Jugendliebe und Identität, Zeit und Traum
ineinanderfließen.
Quelle: OpenAI’s ChatGPT, Januar 2026
Ein namenloser Erzähler erinnert sich an eine Jugendliebe –
ein Mädchen, das ihm von einer seltsamen Stadt hinter einer Mauer erzählt. Als
sie verschwindet, macht er sich auf, diese Stadt zu suchen. Jahre später - er
ist nun Bibliothekar in einer kleinen Stadt, wird er erneut mit dem Geheimnis
dieser Stadt und seinen Gefühlen für das Mädchen konfrontiert.
Die ungewisse Mauer steht nicht nur für eine physische
Grenze, sondern für eine metaphysische Trennung zwischen dem, was war, und dem,
was niemals ganz sein durfte. In der geheimnisvollen Stadt, die vielleicht nur
im Innern existiert, werden Schatten eingesperrt, Gefühle abgeschliffen. Die Stadt
ist ein Ort der Erinnerungslosigkeit, aber auch der Klarheit und des Schmerzes.
Und doch zieht es ihn dorthin, wieder und wieder.
Ich denke, die Mauer trennt nicht nur zwei Orte, sondern Zustände
des Seins: Bewusstsein und Unterbewusstsein, Leben und Traum, Jugend und Reife.
Schatten sind mehr als Projektionen, sie sind Träger des Ichs. Murakami scheint
zu fragen: Was bleibt von uns, wenn wir unsere Erinnerungen verlieren? Ist
Liebe möglich, jenseits unserer persönlichen Geschichte? Für ihn ist Literatur
ein Portal. Bücher und Bibliotheken sind Tore und Orte, an denen sich Welten
überlagern.
Das Mädchen, von dem die Rede ist, ein Wesen wie aus Licht
und Nebel, scheint zu wissen, dass sie nicht ganz von dieser Welt ist. Und
doch: Ihre Liebe, ihr Blick, ihr Schmerz, alles ist real. Oder sogar wirklicher
als die Alltäglichkeit, die der Erzähler später erlebt.
Sie ist nicht nur eine Jugendliebe. Sie ist eine
Schwellenhüterin, eine Figur, die aus der Anderswelt kommt und wieder
dorthin verschwindet. Man könnte sie fast wie eine literarische Muse oder einen
Archetyp lesen – ein Mädchen aus dem Traum, das selbst weiß, dass sie Traum
ist, und sich dennoch nach einer „Existenz“ sehnt, die sie nie ganz haben darf.
Kann ein Mädchen wissen, dass es nur ein Traum ist? Diese Frage ist mehr als nur eine gedankliche
Spielerei, sie ist ein poetischer Katalysator für das, was Murakamis Erzähler
zu erkennen beginnt: Dass Wirklichkeit und Traum nicht
Gegensätze sind, sondern Schichten einer einzigen, vielstimmigen Realität.
In Murakamis Welt
ist die Frage nach Realität keine Entscheidung, sondern ein Kontinuum. Er fragt
nicht: „Ist das real?“ Sondern: „Wie fühlt es sich an, wenn das Reale
sich wie ein Traum bewegt?“
Und der Erzähler? Wer Freude an vielgestaltigen Realitäten
hat, wer den magischen Realismus mag, wird sich sein eigenes Bild machen
wollen. „Vielleicht ist der Erzähler nur ein Gedankenkonstrukt der Stadt …“
Im Geiste des Shintō ***, wo alles beseelt ist, Steine,
Nebel, Wörter, könnte man sagen: Die
Stadt träumt ihren Erzähler. Sie braucht ihn, um sich selbst zu
erinnern.
*** Shintōistische Lesart: Im Shintō ist alles
durchdrungen von kami, Geister, Prinzipien, Kräfte.
Ein Ort wie die Stadt hinter der Mauer könnte ein solcher kami sein: nicht
„Gott“ im westlichen Sinne, sondern eine energetische Präsenz, ein
Bewusstsein. Vielleicht ist der Erzähler ihr Werkzeug, ihr Blick, ihr Spiegel. Er
fragt sich, woher er kommt, wer er ist, warum er dieses Mädchen nicht vergessen
kann. Aber was, wenn es die Stadt ist, die sich nach ihrer eigenen verlorenen
Stimme sehnt? Und sie formt diesen Erzähler, wie ein Wald den Wind formt, der
durch ihn zieht.
Die Stadt und ihre ungewisse Mauer. Übersetzt
von Ursula Gräfe. DuMont Buchverlag, Köln 2024