Heute Morgen öffnete ich die Fenster weit und setze mich an
meinen Schreibtisch. Ein Rotkehlchen singt an meinem Fenster, während ich
schreibe. Ich liebe die zarten Töne, die voller Magie zu sein scheinen. Und - ich freue mich, denn während der Tage der extremen Hitze mit über 40°C sangen die Vögel kaum - auf jeden Fall weniger. Im Garten habe ich mehrere
Schalen mit Wasser gefüllt und einen Bereich des Gartens feucht gehalten, damit
Vögel und Insekten sich erholen, sich etwas ausruhen können, von der Hitze.
In der Nacht hat es gewittert und geregnet, endlich! Trotzdem sind die Temperaturen schon wieder bei 30°C, Tendenz steigend. Heute ist einer dieser Sommertage, an denen auch die Gedanken langsamer werden. Vielleicht ist das gar kein Fehler. Vielleicht räumt die Hitze etwas auf, was schon lange darauf gewartet hat.
Mein Kopf fühlt sich wie Watte an und ich probiere mich ein
wenig am herumdenken. Gedanken kommen,
setzen sich kurz zu mir und ziehen wieder weiter. Will ich heute weiter schreiben oder lasse ich
mich berieseln von Hörbüchern und spannenden Dokus aus aller Welt, zu allen
möglichen Themen? Ich kann mich noch nicht entscheiden und gieße mir eine
weitere Tasse Tee ein. Earl Grey und ein wenig Bergamotte, dazu ein Löffelchen
Honig und mein Kreislauf scheint zufrieden zu nicken. Kleine Lichtblitze
erreichen mein Gehirn: Könnte heute etwas werden. Fahr schon mal den
Schreibmodus hoch.
Zwischendurch wandert mein Blick zu den frisch gestrichenen Wänden im Nebenzimmer. Noch steht nicht alles an seinem Platz, einige Bücher warten darauf, wieder ihren Ort zu finden. Es dauert offenbar seine Zeit, bis aus einem Raum wieder ein wohnlicher Ort wird.
Während draußen die
Luft flimmert, suche ich weiter nach kühleren Orten. Heute finde ich einen
davon bei Ingeborg Bachmann. Warum lese ich eigentlich so gern Autorinnen
wie Ingeborg Bachmann oder Virginia Woolf oder die vielen anderen schreibenden
Frauen, die ihre Worte in die Welt geschickt haben?
Nicht, weil sie nur von sich erzählen. Sondern weil sie von
sich aus zur Welt erzählen. Das ist ein großer Unterschied. Auch das
Rotkehlchen handelt nicht nur von mir. Es handelt von Hitze. Von Fürsorge. Von
Aufmerksamkeit - und in meinem Fall auch von Liebe. Von einem Sommer, den viele gerade erleben. Und Persönliches
kann so zu etwas Allgemeinen werden, das Viele berührt.
Also, Ingeborg Bachmann:
ERKLÄR MIR LIEBE
Das Zittergras im Land nimmt überhand,
Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
du lachst und weinst und gehst an dir
zugrund, was soll dir noch geschehen…
muß ich sie zum Schweigen bringen in mir.
Es ist heute. Ich bin hier und heute.
(Ingeborg Bachmann, aus: Malina)




