Juni 18, 2026

Der innere Himmel

 


Denn wer den Himmel in sich trägt, wie Geschichten es tun, hat Platz für alle, auch für jene, die nur im Schatten zu existieren glaubten. ET

In meiner Sidebar habe ich vor längerer Zeit ein kleines Gedicht von mir eingefügt. Es kam als Ersatz für Links, die zu externen Seiten führten - und die vor einiger Zeit obsolet wurden, weil die Sache mit der Werbung ins Spiel kam.  So habe ich begonnen, das was als Werbung interpretiert werden könnte, von meinem Blog zu entfernen - und anstelle dessen meine eigenen Gedanken einzufügen.

Der Himmel - warum dachte ich an ihn? Weil er mich an das Erzählen an sich erinnert. Geschichten sind grenzenlos und damit sind sie der Realität überlegen. Sie sind so grenzenlos, wie wir den Himmel wahrnehmen, der in Erzählungen u.a. für Unendlichkeit und Freiheit steht. Ihn in sich zu tragen ist eine Metamorphose, die davon spricht, dass wir etwas Großes, Weites verinnerlicht haben.

Sein Gegenspieler der Schatten, repräsentiert nicht nur in klassischen Sagen Figuren, die in der Regel unsichtbar bleiben. Der nur wenig bekannte französische Philosoph Gaston Bachelard, dachte über die Poetik der Räume nach. In seiner Poetik des Raumes untersuchte er, wie Menschen Räume emotional erleben. Es sind für Bachelard nicht nur geometrische Hüllen, sondern mit Erinnerungen aufgeladene Orte, die mit Intimität und Schutz verbunden werden. Z.B. können eine kleine Dachkammer oder ein Buch in unserer Vorstellung unendlich groß werden.

Die Unendlichkeit in uns: Warum Geschichten dem Vergessenen ein Zuhause geben

Ich finde den Gedanken tröstlich, dass Erzählungen keine engen Räume aus Papier und Tinte sind. Sie sind unendliche Weiten. Geschichten besitzen die einzigartige Kraft, Grenzen einzureißen und damit jenen Stimmen Gehör zuverschaffen, die im Alltag oft unsichtbar bleiben oder an den Rand gedrängt werden.

Wenn wir eine Geschichte lesen oder schreiben, erschaffen wir einen solchen erlebten, bewohnten Raum. In dieser nicht messbaren inneren Weite gibt es keine Ausgrenzung. Hier gibt es keine Mauern, keine engen Schachteln des Denkens, sondern unendlich viel Platz. Auch und gerade für die Menschen, die im Schatten stehen.

Das weiße Blatt als Schutzraum der Seele

Schreiben ist viel mehr als das Aneinanderreihen von Worten; es ist ein Akt der Befreiung, der Selbstfindung, des Träumens und der vielen subjektiven Dinge, die für jede und jeden von uns anders sind. Wenn wir schreiben, bauen wir ein Haus für unsere Seele. Ich teile Gaston Bachelards Meinung, dass das Haus der Inbegriff von Geborgenheit ist – ein Ort, an dem Menschen ungestört träumen und wachsen können. Das leere Blatt Papier wird im Schreibprozess zu genau diesem Haus.

In unserem Leben sind wir häufig zwiegespalten. Wir tragen Verletzungen in uns, ungehörte Worte und jene Anteile, die wir aus Angst vor Ablehnung lieber im Schatten verstecken. Das Schreiben holt diese Schattenanteile sanft ans Licht, ohne sie zu verurteilen. Auf dem Papier dürfen wir unvollständig sein, zerrissen und suchend. Indem wir unseren Schmerz offen schreiben oder in Metaphern kleiden und unserer Trauer eine Stimme geben, verwandeln wir das Chaos der inneren Welt. Schreiben ist der Weg, auf dem wir die verstreuten Scherben unserer Biografie einsammeln und zu einem neuen, tieferen Ganzen zusammensetzen können.

Vom Schatten in den inneren Himmel

Das Schreiben weitet unsere Seele. Die Enge des Alltags, die Urteile anderer und die eigenen Mauern im Kopf beginnen zu bröckeln. Wenn wir schreibend heil werden, geschieht genau das: Wir treten aus dem Schatten unserer eigenen Geschichte heraus und betreten diesen inneren Himmel. Jedes Wort, das wir für das Unaussprechliche finden, nimmt dem Schatten seine bedrohliche Macht. Es ist ein zutiefst transformativer Prozess. Wir erkennen, dass wir nicht die Wunde sind, sondern der Raum, in dem die Wunde heilen darf. In der Unendlichkeit des geschriebenen Wortes finden alle unsere Anteile Platz – die lauten, die leisen, die strahlenden und jene, die so lange im Verborgenen lagen, dass sie kaum noch einen Namen haben. Wir schreiben uns nicht nur gesund; wir schreiben uns ganz.

Am Ende sind es die Geschichten, die uns daran erinnern, wer wir im Tiefsten unseres Wesens sind: Menschenwesen von unermesslicher Weite. Wenn wir schreiben, heilen wir nicht nur uns selbst, sondern wir halten auch die Tür für jene Welten offen, die im Lärm des Alltags oft untergehen. Wir schenken dem Schatten Raum und verwandeln ihn in Licht. Der Himmel, den wir in uns tragen, ist kein fertiges Gemälde – er ist ein unendlicher Raum, den wir mit jedem geschriebenen Wort neu erschaffen.

Ein Impuls, eine kleine Schreibübung für euren inneren Himmel

Wenn ihr selbst die heilende Kraft des Schreibens erfahren und euren inneren Raum weiten möchtet, nehmt euch ein paar Minuten Zeit, ein schönes Blatt Papier und einen Stift.

  • Den Raum betreten: Schließt für einen Moment die Augen. Atmet tief ein und aus und versucht, euch einen unendlich weiten, stillen Raum – euren ganz persönlichen inneren Himmel, vorzustellen.
  • Den Schatten einladen: Fragt euch mit Zartheit: Welcher Anteil von mir stand in letzter Zeit im Schatten? Ist es eine leise Traurigkeit, ein unerfüllter Traum oder ein Wort, das nie ausgesprochen wurde?
  • Dem Schatten Raum geben: Beginnt zu schreiben. Schreiben ohne Filter, ohne auf Grammatik oder Logik zu achten. Beginnt, wenn ihr mögt, einfach mit dem Satz: „In meinem inneren Himmel ist heute Platz für...“ und lasst den Stift fließen.

Erlaubt euch, dass dieser Schreibprozess, einfach nur auf dem Papier zu existieren braucht. Beobachtet, wie der innere Raum größer wird, während ihr schreibt.