Denn wer den Himmel
in sich trägt, wie Geschichten es tun, hat Platz für alle, auch für jene, die
nur im Schatten zu existieren glaubten. ET
In meiner Sidebar habe ich vor längerer Zeit ein kleines
Gedicht von mir eingefügt. Es kam als Ersatz für Links, die zu externen Seiten
führten - und die vor einiger Zeit obsolet wurden, weil die Sache mit der
Werbung ins Spiel kam. So habe ich
begonnen, das was als Werbung interpretiert werden könnte, von meinem Blog zu
entfernen - und anstelle dessen meine eigenen Gedanken einzufügen.
Der Himmel - warum dachte ich an ihn? Weil er mich an das
Erzählen an sich erinnert. Geschichten sind grenzenlos und damit sind sie der
Realität überlegen. Sie sind so grenzenlos, wie wir den Himmel wahrnehmen, der
in Erzählungen u.a. für Unendlichkeit und Freiheit steht. Ihn in sich zu tragen
ist eine Metamorphose, die davon spricht, dass wir etwas Großes, Weites
verinnerlicht haben.
Sein Gegenspieler der Schatten, repräsentiert nicht nur in klassischen
Sagen Figuren, die in der Regel unsichtbar bleiben. Der nur wenig bekannte französische
Philosoph Gaston Bachelard, dachte über die Poetik der Räume nach. In seiner
Poetik des Raumes untersuchte er, wie Menschen Räume emotional erleben. Es sind
für Bachelard nicht nur geometrische Hüllen, sondern mit Erinnerungen
aufgeladene Orte, die mit Intimität und Schutz verbunden werden. Z.B. können eine
kleine Dachkammer oder ein Buch in unserer Vorstellung unendlich groß werden.
Die Unendlichkeit in uns: Warum Geschichten dem
Vergessenen ein Zuhause geben
Ich finde den Gedanken tröstlich, dass Erzählungen keine
engen Räume aus Papier und Tinte sind. Sie sind unendliche Weiten. Geschichten
besitzen die einzigartige Kraft, Grenzen einzureißen und damit jenen Stimmen
Gehör zuverschaffen, die im Alltag oft unsichtbar bleiben oder an den Rand
gedrängt werden.
Wenn wir eine Geschichte lesen oder schreiben, erschaffen
wir einen solchen erlebten, bewohnten Raum. In dieser nicht messbaren inneren
Weite gibt es keine Ausgrenzung. Hier gibt es keine Mauern, keine engen
Schachteln des Denkens, sondern unendlich viel Platz. Auch und gerade für die
Menschen, die im Schatten stehen.
Das weiße Blatt als Schutzraum der Seele
Schreiben ist viel mehr als das Aneinanderreihen von Worten;
es ist ein Akt der Befreiung, der Selbstfindung, des Träumens und der vielen
subjektiven Dinge, die für jede und jeden von uns anders sind. Wenn wir schreiben,
bauen wir ein Haus für unsere Seele. Ich teile Gaston Bachelards Meinung, dass
das Haus der Inbegriff von Geborgenheit ist – ein Ort, an dem Menschen
ungestört träumen und wachsen können. Das leere Blatt Papier wird im
Schreibprozess zu genau diesem Haus.
In unserem Leben sind wir häufig zwiegespalten. Wir tragen
Verletzungen in uns, ungehörte Worte und jene Anteile, die wir aus Angst vor
Ablehnung lieber im Schatten verstecken. Das Schreiben holt diese
Schattenanteile sanft ans Licht, ohne sie zu verurteilen. Auf dem Papier dürfen
wir unvollständig sein, zerrissen und suchend. Indem wir unseren Schmerz offen
schreiben oder in Metaphern kleiden und unserer Trauer eine Stimme geben,
verwandeln wir das Chaos der inneren Welt. Schreiben ist der Weg, auf dem wir
die verstreuten Scherben unserer Biografie einsammeln und zu einem neuen,
tieferen Ganzen zusammensetzen können.
Vom Schatten in den inneren Himmel
Das Schreiben weitet unsere Seele. Die Enge des Alltags, die
Urteile anderer und die eigenen Mauern im Kopf beginnen zu bröckeln. Wenn wir
schreibend heil werden, geschieht genau das: Wir treten aus dem Schatten
unserer eigenen Geschichte heraus und betreten diesen inneren Himmel. Jedes
Wort, das wir für das Unaussprechliche finden, nimmt dem Schatten seine
bedrohliche Macht. Es ist ein zutiefst transformativer Prozess. Wir erkennen,
dass wir nicht die Wunde sind, sondern der Raum, in dem die Wunde heilen darf.
In der Unendlichkeit des geschriebenen Wortes finden alle unsere Anteile Platz
– die lauten, die leisen, die strahlenden und jene, die so lange im Verborgenen
lagen, dass sie kaum noch einen Namen haben. Wir schreiben uns nicht nur
gesund; wir schreiben uns ganz.
Am Ende sind es die Geschichten, die uns daran erinnern, wer
wir im Tiefsten unseres Wesens sind: Menschenwesen von unermesslicher Weite.
Wenn wir schreiben, heilen wir nicht nur uns selbst, sondern wir halten auch
die Tür für jene Welten offen, die im Lärm des Alltags oft untergehen. Wir
schenken dem Schatten Raum und verwandeln ihn in Licht. Der Himmel, den wir in
uns tragen, ist kein fertiges Gemälde – er ist ein unendlicher Raum, den wir
mit jedem geschriebenen Wort neu erschaffen.
Ein Impuls, eine kleine Schreibübung für euren inneren
Himmel
Wenn ihr selbst die heilende Kraft des Schreibens erfahren
und euren inneren Raum weiten möchtet, nehmt euch ein paar Minuten Zeit, ein
schönes Blatt Papier und einen Stift.
- Den
Raum betreten: Schließt für einen Moment die Augen. Atmet tief ein und
aus und versucht, euch einen unendlich weiten, stillen Raum – euren ganz
persönlichen inneren Himmel, vorzustellen.
- Den
Schatten einladen: Fragt euch mit Zartheit: Welcher Anteil von mir
stand in letzter Zeit im Schatten? Ist es eine leise Traurigkeit, ein
unerfüllter Traum oder ein Wort, das nie ausgesprochen wurde?
- Dem
Schatten Raum geben: Beginnt zu schreiben. Schreiben ohne Filter, ohne
auf Grammatik oder Logik zu achten. Beginnt, wenn ihr mögt, einfach mit
dem Satz: „In meinem inneren Himmel ist heute Platz für...“ und
lasst den Stift fließen.
Erlaubt euch, dass dieser Schreibprozess, einfach nur auf
dem Papier zu existieren braucht. Beobachtet, wie der innere Raum größer wird,
während ihr schreibt.

