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Januar 06, 2026

Leselust

Irgendwann im Sommer des letzten Jahres habe ich die „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ von Haruki Murakami gelesen. In Rezensionen lese ich, dass es „ein später Roman“ ist. Murakami greift ein Thema auf, das ihn schon früh beschäftigte. Der Roman basiert auf einer Erzählung, die er 1980 in einem Literaturmagazin veröffentlichte.  Nun, viele Jahre später, hat er diese Geschichte in ein umfassendes, vielschichtiges Werk verwandelt. Ein Werk, in dem Realität und Erinnerung, Jugendliebe und Identität, Zeit und Traum ineinanderfließen.

Quelle: OpenAI’s ChatGPT, Januar 2026

Ein namenloser Erzähler erinnert sich an eine Jugendliebe – ein Mädchen, das ihm von einer seltsamen Stadt hinter einer Mauer erzählt. Als sie verschwindet, macht er sich auf, diese Stadt zu suchen. Jahre später - er ist nun Bibliothekar in einer kleinen Stadt, wird er erneut mit dem Geheimnis dieser Stadt und seinen Gefühlen für das Mädchen konfrontiert.

Die ungewisse Mauer steht nicht nur für eine physische Grenze, sondern für eine metaphysische Trennung zwischen dem, was war, und dem, was niemals ganz sein durfte. In der geheimnisvollen Stadt, die vielleicht nur im Innern existiert, werden Schatten eingesperrt, Gefühle abgeschliffen. Die Stadt ist ein Ort der Erinnerungslosigkeit, aber auch der Klarheit und des Schmerzes. Und doch zieht es ihn dorthin, wieder und wieder.

Ich denke, die Mauer trennt nicht nur zwei Orte, sondern Zustände des Seins: Bewusstsein und Unterbewusstsein, Leben und Traum, Jugend und Reife. Schatten sind mehr als Projektionen, sie sind Träger des Ichs. Murakami scheint zu fragen: Was bleibt von uns, wenn wir unsere Erinnerungen verlieren? Ist Liebe möglich, jenseits unserer persönlichen Geschichte? Für ihn ist Literatur ein Portal. Bücher und Bibliotheken sind Tore und Orte, an denen sich Welten überlagern.



Das Mädchen, von dem die Rede ist, ein Wesen wie aus Licht und Nebel, scheint zu wissen, dass sie nicht ganz von dieser Welt ist. Und doch: Ihre Liebe, ihr Blick, ihr Schmerz, alles ist real. Oder sogar wirklicher als die Alltäglichkeit, die der Erzähler später erlebt.

Sie ist nicht nur eine Jugendliebe. Sie ist eine Schwellenhüterin, eine Figur, die aus der Anderswelt kommt und wieder dorthin verschwindet. Man könnte sie fast wie eine literarische Muse oder einen Archetyp lesen – ein Mädchen aus dem Traum, das selbst weiß, dass sie Traum ist, und sich dennoch nach einer „Existenz“ sehnt, die sie nie ganz haben darf. Kann ein Mädchen wissen, dass es nur ein Traum ist? Diese Frage ist mehr als nur eine gedankliche Spielerei, sie ist ein poetischer Katalysator für das, was Murakamis Erzähler zu erkennen beginnt: Dass Wirklichkeit und Traum nicht Gegensätze sind, sondern Schichten einer einzigen, vielstimmigen Realität.

In Murakamis Welt ist die Frage nach Realität keine Entscheidung, sondern ein Kontinuum. Er fragt nicht: „Ist das real?“ Sondern: „Wie fühlt es sich an, wenn das Reale sich wie ein Traum bewegt?“

Und der Erzähler? Wer Freude an vielgestaltigen Realitäten hat, wer den magischen Realismus mag, wird sich sein eigenes Bild machen wollen. „Vielleicht ist der Erzähler nur ein Gedankenkonstrukt der Stadt …“

Im Geiste des Shintō ***, wo alles beseelt ist, Steine, Nebel, Wörter, könnte man sagen: Die Stadt träumt ihren Erzähler. Sie braucht ihn, um sich selbst zu erinnern.


*** Shintōistische Lesart: Im Shintō ist alles durchdrungen von kami, Geister, Prinzipien, Kräfte.

Ein Ort wie die Stadt hinter der Mauer könnte ein solcher kami sein: nicht „Gott“ im westlichen Sinne, sondern eine energetische Präsenz, ein Bewusstsein. Vielleicht ist der Erzähler ihr Werkzeug, ihr Blick, ihr Spiegel. Er fragt sich, woher er kommt, wer er ist, warum er dieses Mädchen nicht vergessen kann. Aber was, wenn es die Stadt ist, die sich nach ihrer eigenen verlorenen Stimme sehnt? Und sie formt diesen Erzähler, wie ein Wald den Wind formt, der durch ihn zieht.


Die Stadt und ihre ungewisse Mauer. Übersetzt von Ursula Gräfe. DuMont Buchverlag, Köln 2024


Februar 23, 2025

Dorfalltag am Wochenende

Die zweistelligen Temperaturen locken Marie und mich heute zu einem langen Spaziergängen durch das Dorf. Unterwegs treffen wir viele andere Hunde und deren Menschen und andere Passanten, die sich ebenfalls über die moderaten Temperaturen freuen. 


Wir laufen vorbei an den knorrigen alten Kopfweiden, die frisch geschnitten wurden, nicht einmal fünf Gehminuten entfernt vom Haus. Ich liebe die alten Schätzchen sehr und habe auch hier im Garten ein paar Stecklinge - allerdings aus Platzmangel nur in Töpfen - gepflanzt.

Früher fand das Schnittgut reißenden Absatz. Viele haben sich in ihren Gärten kleine Zäune oder Skulpturen daraus geflochten. Die waren und sind etwas Besonderes, denn Weiden treiben in der Erde neu aus und bilden gute Wurzeln. Im Nu entstehen so lebende Hecken, die einen ganz besonderen Charme haben. Doch leider entstehen auch hier, im dörflichen Raum, immer mehr "Steinbeete" oder häßliche Drahtkörbe mit Bruchsteinen sollen Grenzen bilden. Nur die "Alten" halten an ihren Blumen- und Gemüsebeeten fest. Falls kein Umdenken stattfindet, wird es auch diese Beete bald nicht mehr geben.

Auf unserem Spaziergang treffen wir regelmäßig auch "Die Drei". Eine Skulptur der Künstlerin Gisela Milse, die hier lebt und arbeitet. 


In der Dorfmitte stehen noch ein paar der schönen alten Häuser. Dieses beherbergt ein Restaurant und Café und ist besonders im Sommer gut besucht. 









Wieder Zuhause wartet auf dem Schreibtisch die "Geschichte des Fräuleins von Sternheim". Ich möchte es lesen, muss aber gestehen, dass die Sprache mich fordert. 



Der Roman wurde 1771 veröffentlicht und gilt als der erste deutsche Briefroman, der von einer Frau geschrieben wurde. Er erzählt die Geschichte der tugendhaften, aber naiven Sophie von Sternheim, die in eine intrigante Gesellschaft gerät, sich gegen unmoralische Avancen zur Wehr setzen muss und schließlich ihr Glück findet. Der Roman kritisiert die moralische Verderbtheit des Adels und betont Werte wie Tugend, Gefühl und weibliche Selbstbestimmung.

 Mich interessiert der Roman hinsichtlich der gesellschaftlichen Rolle der Frau im 18. Jahrhundert.  Ich erhoffe mir Einblicke in weibliche Tugendvorstellungen, moralische Erwartungen und in soziale Zwänge dieser Zeit.

Die Protagonistin Sophie von Sternheim verkörpert das Ideal der tugendhaften Frau: Sie ist gebildet, sittsam und standhaft gegenüber unmoralischen Verlockungen. In manchen Quellen wird darauf hingewiesen, dass der Roman nicht autobiographisch ist. Trotz allem soll (und wird) er persönliche Umstände, Gedanken und Emotionen der Frau Lo Roche transportieren. Im 18. Jahrhundert wurde von Frauen erwartet, dass sie sich den gesellschaftlichen Normen anpassten und insbesondere in Liebes- und Ehefragen Zurückhaltung und Moral bewiesen. Der Roman zeigt, wie Sophies Tugend immer wieder auf die Probe gestellt wird. Ihre moralische Standhaftigkeit hebt sie jedoch von anderen Frauenfiguren ab, die sich den Erwartungen beugen oder Opfer der korrupten Gesellschaft werden.

Ein zentrales Thema des Romans ist die wirtschaftliche und soziale Abhängigkeit der Frau. Sophie von Sternheim kann als Frau nicht eigenständig handeln oder finanzielle Entscheidungen treffen. Ihr Wohl hängt (ausschließlich) von wohlwollenden männlichen Figuren oder einer günstigen Heirat ab. Diese Situation war typisch für Frauen des 18. Jahrhunderts, die oft keinerlei rechtliche oder finanzielle Selbständigkeit besaßen. La Roche zeigt die Schwächen dieses Systems auf und kritisiert die geringe Handlungsfreiheit, die Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft blieb. 

Interessant ist, dass La Roche die Frau stets als höhere moralische Instanz darstellt. Während männliche Figuren sich durch Intrigen und egoistische Motive auszeichnen, steht Sophie für ein Ideal aus Selbstbeherrschung, Mitleid und Weisheit. Dieser Aspekt reflektiert ein weitverbreitetes Bild der Aufklärung: Frauen wurden als Bewahrerinnen von Moral und Tugend angesehen, während Männer diesen Zwängen natürlich nicht unterworfen wurden. 

Trotzdem! hat Sophie von La Roche nach dem Tod ihres Mannes ihren Lebensunterhalt mit der Schriftstellerei erwirtschaftet. 


Sophie von La Roche


Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sophie_von_La_Roche_-_Georg_Oswald_May_1778.jpg






Januar 08, 2025

"Der Sohn des Maskenschnitzers"

 von Alyson Richman, ist meine derzeitige Lektüre. Der Protagonist des Romans, wächst in Japan auf, wo er in eine lange Tradition von Maskenschnitzern eingebunden ist. Sein Vater ist ein angesehener Maskenschnitzer im Noh-Theater, einer Kunstform, die tief in der japanischen Kultur verwurzelt ist. Kiyoki wird von klein auf in die geheimen Handwerkstechniken und die Bedeutung der Masken eingeführt, die sowohl künstlerisch als auch spirituell eine zentrale Rolle im Noh-Theater spielen.


Das Leben von Kiyoki in Japan ist von starkem familiären und kulturellen Druck geprägt. Als Sohn eines traditionellen Handwerkers steht er unter dem Erwartungen, die Kunst seines Vaters fortzusetzen und die Familientradition zu bewahren. Dies bringt Kiyoki in einen inneren Konflikt, da er die Kunst des Maskenschnitzens liebt, aber gleichzeitig das Gefühl hat, mehr zu wollen – vor allem, die westliche Malerei zu verstehen und selber zu schaffen. Kiyoki verspürt den Drang, seine eigene künstlerische Vision zu verfolgen. Sein Herz schlägt für die europäische Moderne und die Malerei, die für ihn Freiheit und Individualität verkörpert.

Der Wunsch, Japan zu verlassen und nach Frankreich zu gehen, ist eine Flucht vor den Erwartungen und der Schwere des Lebens in Japan. Das Leben in Japan – geprägt von Tradition und einer klaren Rollenverteilung – fühlt sich für Kiyoki zu einschränkend an. Sein innerer Drang, die westliche Kunst zu erleben und zu verstehen, stellt für ihn einen Weg dar, sich von der Last der Tradition zu befreien und seine eigene künstlerische Identität zu entwickeln. So wird die Reise nach Frankreich nicht nur zu einem Schritt in die Freiheit, sondern auch zu einem Schritt in seine eigene, ungelebte künstlerische Zukunft.

Die Bühne eines Noh-Theaters, von einer KI generiert

Angetrieben von seinem Wunsch, die Kunst der europäischen Avantgarde zu entdecken und sich selbst als Maler zu verwirklichen, reist Kiyoki nach Frankreich. Dort taucht er in die Welt der Pariser Kunstszene ein, eine Welt voller kreativer Freigeister, die in starkem Kontrast zu den strengen japanischen Traditionen steht. Die Begegnungen mit der westlichen Kunst inspirieren ihn, seine Identität als Künstler zu hinterfragen und gleichzeitig mit seinen kulturellen Wurzeln zu verbinden.

Die Masken, die Kiyoki in Japan bei seinem Vater als Handwerkskunst erlernt hat, bleiben ein zentrales Symbol: Sie repräsentieren nicht nur die Tradition, sondern auch die Frage nach Authentizität und der eigenen "Maske", die man in der Welt trägt. Der Roman thematisiert Kiyokis Reise zwischen zwei Welten – der japanischen und der westlichen – und beleuchtet, wie Kunst und kulturelle Begegnungen den inneren Konflikt zwischen Tradition und Moderne heilen können.

Ich liebe Bücher, die mir nicht nur Freude beim Lesen, sondern auch Wissen vermitteln. Auch dieses Buch ist so ein Buch. Das Noh-Theater Japans, war und ist mir relativ fremd. Nun tauche ich in den Wissenspool des Internets und erfahre, dass Noh als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt ist und dass auch heute noch Stücke aufgeführt werden. Es hat viele moderne Künstler und Theaterschaffende inspiriert, darunter auch Bertolt Brecht. 

Das Noh-Theater ist eine Kunstform, die Tradition, Spiritualität und Ästhetik vereint. Auch wenn es für Europäische Augen und Ohren gewöhnungsbedürftig ist, fordert es von seinem Publikum Geduld und hohe Aufmerksamkeit. Kenner meinen, dass das Noh-Theater jedoch mit tiefgründigen Einsichten und zeitloser Schönheit belohnt.

Für Interessierte füge ich hier einen Link zu einem YouTube-Video ein (Keine Werbung):

https://www.youtube.com/watch?v=YVARAMARvk8