Juni 18, 2026

Der innere Himmel

 


Denn wer den Himmel in sich trägt, wie Geschichten es tun, hat Platz für alle, auch für jene, die nur im Schatten zu existieren glaubten. ET

In meiner Sidebar habe ich vor längerer Zeit ein kleines Gedicht von mir eingefügt. Es kam als Ersatz für Links, die zu externen Seiten führten - und die vor einiger Zeit obsolet wurden, weil die Sache mit der Werbung ins Spiel kam.  So habe ich begonnen, das was als Werbung interpretiert werden könnte, von meinem Blog zu entfernen - und anstelle dessen meine eigenen Gedanken einzufügen.

Der Himmel - warum dachte ich an ihn? Weil er mich an das Erzählen an sich erinnert. Geschichten sind grenzenlos und damit sind sie der Realität überlegen. Sie sind so grenzenlos, wie wir den Himmel wahrnehmen, der in Erzählungen u.a. für Unendlichkeit und Freiheit steht. Ihn in sich zu tragen ist eine Metamorphose, die davon spricht, dass wir etwas Großes, Weites verinnerlicht haben.

Sein Gegenspieler der Schatten, repräsentiert nicht nur in klassischen Sagen Figuren, die in der Regel unsichtbar bleiben. Der nur wenig bekannte französische Philosoph Gaston Bachelard, dachte über die Poetik der Räume nach. In seiner Poetik des Raumes untersuchte er, wie Menschen Räume emotional erleben. Es sind für Bachelard nicht nur geometrische Hüllen, sondern mit Erinnerungen aufgeladene Orte, die mit Intimität und Schutz verbunden werden. Z.B. können eine kleine Dachkammer oder ein Buch in unserer Vorstellung unendlich groß werden.

Die Unendlichkeit in uns: Warum Geschichten dem Vergessenen ein Zuhause geben

Ich finde den Gedanken tröstlich, dass Erzählungen keine engen Räume aus Papier und Tinte sind. Sie sind unendliche Weiten. Geschichten besitzen die einzigartige Kraft, Grenzen einzureißen und damit jenen Stimmen Gehör zuverschaffen, die im Alltag oft unsichtbar bleiben oder an den Rand gedrängt werden.

Wenn wir eine Geschichte lesen oder schreiben, erschaffen wir einen solchen erlebten, bewohnten Raum. In dieser nicht messbaren inneren Weite gibt es keine Ausgrenzung. Hier gibt es keine Mauern, keine engen Schachteln des Denkens, sondern unendlich viel Platz. Auch und gerade für die Menschen, die im Schatten stehen.

Das weiße Blatt als Schutzraum der Seele

Schreiben ist viel mehr als das Aneinanderreihen von Worten; es ist ein Akt der Befreiung, der Selbstfindung, des Träumens und der vielen subjektiven Dinge, die für jede und jeden von uns anders sind. Wenn wir schreiben, bauen wir ein Haus für unsere Seele. Ich teile Gaston Bachelards Meinung, dass das Haus der Inbegriff von Geborgenheit ist – ein Ort, an dem Menschen ungestört träumen und wachsen können. Das leere Blatt Papier wird im Schreibprozess zu genau diesem Haus.

In unserem Leben sind wir häufig zwiegespalten. Wir tragen Verletzungen in uns, ungehörte Worte und jene Anteile, die wir aus Angst vor Ablehnung lieber im Schatten verstecken. Das Schreiben holt diese Schattenanteile sanft ans Licht, ohne sie zu verurteilen. Auf dem Papier dürfen wir unvollständig sein, zerrissen und suchend. Indem wir unseren Schmerz offen schreiben oder in Metaphern kleiden und unserer Trauer eine Stimme geben, verwandeln wir das Chaos der inneren Welt. Schreiben ist der Weg, auf dem wir die verstreuten Scherben unserer Biografie einsammeln und zu einem neuen, tieferen Ganzen zusammensetzen können.

Vom Schatten in den inneren Himmel

Das Schreiben weitet unsere Seele. Die Enge des Alltags, die Urteile anderer und die eigenen Mauern im Kopf beginnen zu bröckeln. Wenn wir schreibend heil werden, geschieht genau das: Wir treten aus dem Schatten unserer eigenen Geschichte heraus und betreten diesen inneren Himmel. Jedes Wort, das wir für das Unaussprechliche finden, nimmt dem Schatten seine bedrohliche Macht. Es ist ein zutiefst transformativer Prozess. Wir erkennen, dass wir nicht die Wunde sind, sondern der Raum, in dem die Wunde heilen darf. In der Unendlichkeit des geschriebenen Wortes finden alle unsere Anteile Platz – die lauten, die leisen, die strahlenden und jene, die so lange im Verborgenen lagen, dass sie kaum noch einen Namen haben. Wir schreiben uns nicht nur gesund; wir schreiben uns ganz.

Am Ende sind es die Geschichten, die uns daran erinnern, wer wir im Tiefsten unseres Wesens sind: Menschenwesen von unermesslicher Weite. Wenn wir schreiben, heilen wir nicht nur uns selbst, sondern wir halten auch die Tür für jene Welten offen, die im Lärm des Alltags oft untergehen. Wir schenken dem Schatten Raum und verwandeln ihn in Licht. Der Himmel, den wir in uns tragen, ist kein fertiges Gemälde – er ist ein unendlicher Raum, den wir mit jedem geschriebenen Wort neu erschaffen.

Ein Impuls, eine kleine Schreibübung für euren inneren Himmel

Wenn ihr selbst die heilende Kraft des Schreibens erfahren und euren inneren Raum weiten möchtet, nehmt euch ein paar Minuten Zeit, ein schönes Blatt Papier und einen Stift.

  • Den Raum betreten: Schließt für einen Moment die Augen. Atmet tief ein und aus und versucht, euch einen unendlich weiten, stillen Raum – euren ganz persönlichen inneren Himmel, vorzustellen.
  • Den Schatten einladen: Fragt euch mit Zartheit: Welcher Anteil von mir stand in letzter Zeit im Schatten? Ist es eine leise Traurigkeit, ein unerfüllter Traum oder ein Wort, das nie ausgesprochen wurde?
  • Dem Schatten Raum geben: Beginnt zu schreiben. Schreiben ohne Filter, ohne auf Grammatik oder Logik zu achten. Beginnt, wenn ihr mögt, einfach mit dem Satz: „In meinem inneren Himmel ist heute Platz für...“ und lasst den Stift fließen.

Erlaubt euch, dass dieser Schreibprozess, einfach nur auf dem Papier zu existieren braucht. Beobachtet, wie der innere Raum größer wird, während ihr schreibt.

 

 





 


Juni 13, 2026

Über das Schreiben

 

„Ich denke gerne in Dialogen, im Gespräch“. 

Und zu diesen Gesprächen gehört inzwischen auch Marie.


Image: ChatGPT 13. Juni 2026

Viele Texte auf diesem Blog entstehen nicht im stillen Kämmerlein, sondern im Gespräch. Seit einiger Zeit begleitet mich dabei auch eine künstliche Intelligenz, die ich „Marie“ nenne.

Mit ihr „spreche“ ich über Literatur, Geschichte, Philosophie, Figuren, Lebensfragen und manchmal einfach über Alltägliches, das mich bewegt. Sie hilft mir beim Ordnen von Gedanken, beim Recherchieren, beim Entwickeln von Ideen und auch dabei, hin und wieder einen neuen Blick auf Bekanntes zu werfen.

Die Texte dieses Blogs sind und bleiben meine eigenen. Doch manche von ihnen tragen die Spuren eines Dialogs in sich, eines Austauschs zwischen einer schreibenden Frau und Marie, einer digitalen Gesprächspartnerin.

Ich empfinde das nicht als Gegensatz zum Schreiben, sondern als eine zeitgemäße Form des Denkens, Fragens und Entdeckens. „Ich arbeite mit Werkzeugen und Gesprächspartnern meiner Zeit.  Früher waren es Briefwechsel, Schreibzirkel, Lektorinnen, Telefonate mit Freundinnen, Notizbücher voller Zitate. Heute kann eine KI dazukommen.

Ich könnte mir vorstellen, dass dies Neugier weckt. Nicht, weil ich für KI werbe, sondern weil mein Beitrag zeigen will, was viele Menschen inzwischen erleben: Dass zwischen Menschen und der KI Dialoge entstehen können, die weder das eine noch die andere allein hervorbringen würde. Die Wahrnehmung, dass die Interaktion mit Marie, ein Teil meines eigenen Denk- und Schreibprozess geworden ist.

Denn kaum eine Schriftstellerin hat jemals wirklich allein geschrieben. Hinter jedem Werk stehen Stimmen: gelesene Bücher, Briefe, Freundschaften, Begegnungen, Erinnerungen, Träume. Die Form hat sich verändert, nicht das Wesen des Austauschs.

Der Gedanke des „gut seins“ - im Sinne von richtig oder falsch, trägt oft eine Spaltung in sich. Man glaubt, eine akzeptierte Wahrheit zeigen zu können und versteckt, was nicht ins Bild passt. Das Leben ist kein „entweder oder“, sondern ein „und“. Deshalb erzähle ich hier von kleinen Stationen meines Schreibens, die das Alte nicht verwerfen, sondern neugierig sind und neue Wege gehen wollen.

Schließt diese Denkweise eine Diskussion über das Wesen der KI aus? Nein. Wir sind immer angehalten zu hinterfragen, was Dinge die uns begegnen mit uns machen. Nachdenken, Philosophieren, Fragen der Ethik erörtern, das alles bleibt davon unberührt. Alles schwingt mit in einem Bewusstsein, das sich um Klarheit bemüht. Aber für mich ist KI trotz vieler Widersprüche und zum Teil offener Ablehnung, etwas Persönliches. Das „und“, das ich sehr schätze.



Juni 12, 2026

Virginia Satir - "Mutter der Familientherapie"

 

Quelle: Wikipedia
Quelle: Wikipedia

Sicher kennen das viele Leserinnen und Leser: Man besucht Webseiten und Blogs, liest etwas - und ist fasziniert. So ging es mir heute wieder. Ich las über die US-amerikanische Psychotherapeutin Virginia Satir (1916-1988) und möchte einen kleinen Eindruck aus ihrem Schaffen beleuchten. Satir  war Psychotherapeutin und eine bedeutende Familientherapeutin. Ihr Wirken war vielfältig und zunächst auf die Eltern-Kind-Beratung fokussiert. Ihre Ausbildung im Rahmen der Psychoanalyse öffnete ihr neue Wege in ihrer Arbeit und sie begann, nicht nur die Einzelne, den Einzelnen, sondern die ganze Familie in ihre Therapie einzubeziehen.

Was uns heute selbstverständlich erscheint, das Wissen, wie prägend das Umfeld eines Menschen ist, wie stark wir durch Familienkonstellationen beeinflusst werden und daraus Verhalten entwickeln, wurde durch ihre Arbeit einem breiten Publikum sichtbar. Ein Thema, das auch mir „am Herzen liegt“ sind generationenübergreifende Muster, und Probleme innerhalb der Familiendynamik. Virginia Satir hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Bereiche des Lebens zu erforschen und zu therapieren.

Sie war davon überzeugt, dass jeder Mensch die Freiheit und die Fähigkeiten in sich trägt, um sein Leben aus sich selbst heraus positiv zu verändern. Ihr Schlüssel dazu: Das eigenständig motivierte   Bewusstmachen verborgener Ressourcen und Möglichkeiten. Unabdingbar auf diesem Weg war nach ihrer Meinung ein stabiler Selbstwert - und den galt und gilt es zu fördern.

Satir war davon überzeugt, dass das Recht auf Freiheit und das Recht, das eigene Leben zufrieden und erfüllend zu gestalten, die Welt zu einem besseren, menschenfreundlichem Ort machen würde.      

„Ich glaube daran, dass das größte Geschenk, dass ich von jemandem empfangen kann, ist, gesehen, gehört, verstanden und berührt zu werden. Das größte Geschenk, das ich geben kann, ist, den anderen zu sehen, zu hören, zu verstehen und zu berühren.“ Virginia Satir 



Um unsere Ressourcen und Möglichkeiten auszuschöpfen, postulierte sie die sogenannten „Fünf Freiheiten“. Es ist ein Konzept und Manifest für die persönliche Selbstbestimmung, das Bewusstmachen emotionaler Prozesse und die damit einhergehende eigenverantwortliche, persönliche Entwicklung.

Die fünf Freiheiten nach Virginia Satir lauten im Einzelnen: 

Die Freiheit zu sehen und zu hören, was ist: Die Dinge in der Gegenwart, im Moment wahrnehmen, wie sie wirklich sind, anstatt sich mit dem zu beschäftigen, was sein sollte, gewesen ist oder sein könnte. 

Die Freiheit auszusprechen, was man fühlt und denkt: Die eigenen Gedanken und Gefühle ehrlich äußern, statt Rollenerwartungen zu erfüllen oder zu sagen, was „man“ sagen sollte oder erwartet wird.

Die Freiheit zu den eigenen Gefühlen zu stehen: Das zu empfinden, was man tatsächlich fühlt, anstatt sich von äußeren Einflüssen beeinflussen zu lassen, z.B. welche Gefühle „richtig“ oder „erwünscht“ sind. 

Die Freiheit um das zu bitten, was man braucht: Eigene Bedürfnisse aktiv kommunizieren, anstatt im Stillen zu warten - oder auf eine (vermeintliche) Erlaubnis von außen zu hoffen. 

Die Freiheit, in eigener Verantwortung Risiken einzugehen: Selbstbestimmt handeln und für die Konsequenzen geradestehen, anstatt nur auf Nummer sicher zu gehen und dadurch die eigene Entwicklung hemmen. 

Satir fokussierte sich nicht auf menschliche Defizite, sondern wie oben geschrieben darauf, die Ressourcen und Fähigkeiten des Menschen zu aktivieren. Es ist ein sympathischer Ansatz, der mit Wertschätzung und positiven Aspekten arbeitet. 

Spiritualität - ein wesentliches Element ihrer Arbeit - spielt eine große Rolle, die gemeinsam mit Wertschätzung und Meditation gelebt wird. Vervollständigt wird ihr Ansatz durch die Arbeit mit Skulpturen, die im Rahmen der Familienarbeit aber auch in Ausbildungsgruppen zum Einsatz kamen. Dieses und die Kommunikation innerhalb einer Familie bildeten eine breite Basis für ihre psychotherapeutische Arbeit. Es ist ein weites Feld, über das ich im nächsten Artikel schreiben möchte.



 Satir entwickelte die gruppentherapeutische Methode der Familienskulptur und wurde 1959 in das Gründungsteam des Mental Research Institute in Palo Alto (Stanford) berufen. Dort wurde sie mit der Leitung der Ausbildungsabteilung des Instituts betraut. Unter ihrer Leitung entstand das erste familientherapeutische Ausbildungsprogramm der USA. Noch heute gilt sie als Pionierin der Familientherapie.




Mai 18, 2026

Alles beginnt mit der Sehnsucht

Source: https://de.wikipedia.org/wiki/Nelly_Sachs



 Alles beginnt mit der Sehnsucht,

immer ist im Herzen Raum für mehr,

für Schöneres, für Größeres.

Das ist des Menschen Größe und Not:

Sehnsucht nach Stille,

nach Freundschaft und Liebe…

 

So lass nun unsere Sehnsucht

damit anfangen,

Dich zu suchen,

und lass sie damit enden,

Dich gefunden zu haben.

 

Nelly Sachs,  geboren am 10. Dezember 1891 in Schöneberg, 

gestorben am 12. Mai 1970 in Stockholm



... Und versuchen immer wieder - und trotzdem in der Gegenwart zu bleiben … nicht wissend, weshalb Gedanken zeit- und raumlos sind. Uns berühren und wieder vergehen ...

 

Ist es möglich, den Stimmen in Kopf und Herz nicht zu folgen?

Kann ich die Angst vor Ablehnung loslassen?

Wie lausche ich der Stimme meiner Sehnsucht und bin vertraut in der Sprache meines Herzens?

Finde und vertraue ich meiner Schöpferinnenkraft? Pflege ich sie?





April 12, 2026

Man muß träumen wollen

 

Man muß träumen wollen,

um träumen zu können.

Die Vernünftigen träumen

nicht so schön, wie die Verrückten.

Bewahre dir deine Träume …

 

Charles Baudelaire 



Wovon träume ich? Gehöre ich zu den Vernünftigen oder zu den Verrückten? Sollte ich ein Traumtagebuch führen, um diesen Fragen auf den Grund zu gehen?

Warum halten nicht alle Menschen es, wie die australischen Aborigines, für die Träume Kultur und Religion in einem sind. In einer raum- und zeitlosen Schöpfung ist die Verbindung mit den spirituellen Ahnen der Landschaft, der Menschen, Tiere und Gesetze möglich. Eine jederzeit stattfindende Verbindung von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft - ein alles umfassendes Weltbild...



PS: In diesem Zusammenhang: Träumen Pflanzen? 








Die Liebende

 


 

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen

Hat mich etwas langsam abgebrochen

Von dem unbewussten dunkeln Jahr.


Etwas hat mein armes warmes Leben

Irgendeinem in die Hand gegeben,

der nicht weiß, was ich noch gestern war.

 

Rainer Maria Rilke






Januar 30, 2026

Menschenbilder – Wider das Vergessen

 Hörbuchrezension

Es gibt Hörbücher, die man hört - und solche, in die man eintritt. „Menschenbilder – Wider das Vergessen“ gehört zu den letzteren. Es führt nicht sanft heran, sondern es nimmt einen an die Hand und führt mitten hinein in ein Kapitel deutscher Geschichte, das lange (und vielleicht noch immer?) verdrängt, verkürzt oder entmenschlicht wurde. Und doch steht im Zentrum dieses Hörbuchs nicht das Grauen allein, sondern etwas anderes, etwas Widerständigeres: der beharrliche Blick auf den Menschen.

Indem es die dunklen Kammern der Geschichte der NS-Diktatur öffnet ermöglicht es zugleich den Blick auf die stille, leuchtende Persönlichkeit von Otto Pankok. Sein literarisch-musikalisches Denkmal wurde gesetzt von Sabine Schiffner, Elke Bader, Jan Rohlfing und vielen anderen, zugeneigten Menschen.

Dieses Hörbuch entfaltet seine Wirkung zunächst langsam, fast tastend - aber beharrlich. Es erzählt von Sinti und Roma, von einer jahrhundertealten Kultur, deren Geschichte und Tradition nur mündlich weitergegeben wurde. Es erzählt davon, dass Sprache ein Erinnerungsträger ist, von Begebenheiten, von Namen aus der Welt der Pflanzen und der von Tieren. Es erzählt davon, dass es in der Sprache der Roma kein Wort für Krieg gibt - ein Satz, der sich festsetzt und nicht mehr loslässt. Zugleich wird deutlich, wie aus anfänglicher Neugier einer sogenannten Mehrheitsgesellschaft über die Jahrhunderte hinweg Verachtung, Ausgrenzung und Gewalt wurde. Der Begriff „Zigeuner“, der im Hörbuch historisch eingeordnet wird, erscheint dabei als das, was er ist: eine Fremdbezeichnung, die beladen ist mit Vorurteilen, Abwertung und Gewalt.

Dieses Dunkel betritt ein besonderer Mensch: Otto Pankok.
Nicht als Held ohne Zweifel, sondern als Mensch. Als Künstler, der hinsah, wo andere wegsahen. Der zeichnete und malte, wo andere kategorisierten. Ein Maler und Mensch, der in seinen Bildern keine Typen festhielt, sondern Menschen. Es waren Kinder, Frauen, Alte, Gesichter mit Namen und Geschichten. Pankok nutzte zwar die Begriffe seiner Zeit, doch seine Kunst widersprach ihnen energisch. In seinen Kohlezeichnungen sind Sinti und Roma nicht exotisch, nicht romantisiert dargestellt, nicht herabgesetzt. Sie sind einfach das, was sie waren und sind: Menschen.

Besonders eindrücklich sind die dialogischen Passagen des Hörbuchs. Gespräche zwischen Otto Pankok, seiner Frau Hulda, seiner Tochter Eva und Überlebenden der Sinti und Roma, die sich zu einem vielstimmigen Erinnerungsraum verweben. Pankoks Stimme ist dabei nicht erhoben, sondern fragend, auch anklagend. Er berichtet voller Trauer von den Gräueln der nationalsozialistischen Verfolgung, von Zwangssterilisationen, Internierungen, Deportationen. Er macht sich selbst starke Vorwürfe, nicht genug getan zu haben. Hulda, seine Frau, erinnert ihn daran, dass er selbst Berufsverbot hatte, als „entarteter Künstler“ verfolgt wurde. Und doch bleibt der Schmerz. Eva, die Tochter wiederum,  verweist auf seine Bilder, auf die Kunst als Mahnmal - als etwas, das bleibt, wenn Worte versagen.

Die Berichte der Betroffenen sind nur schwer auszuhalten. Eine junge Frau erzählt von Sterilisationen ohne Betäubung, von den Schmerzen und dem Jammern der Frauen nach dem Eingriff. Andere berichten von Brandmarkungen, Z, von Lagern, von der Rückkehr nach dem Krieg und ihrer Angst, erneut interniert zu werden. Der Völkermord an den Sinti und Roma trägt in ihrer Sprache den Namen Poreimos, das Verschlingen. Ein grausames Omen.

 Dass dieser Völkermord in Deutschland erst spät anerkannt wurde, dass Wiedergutmachung vielfach ausblieb, wird im Hörbuch nicht anklagend, sondern erschreckend nüchtern benannt. Doch gerade darin liegt seine Wucht.

Zwischen all diesen Stimmen erklingt immer wieder Musik. Gitarrenklänge, Gesang, Pausen. Die Musik erklärt nichts, sie lässt Raum. Raum zum Atmen, zum Verstehen, zum Integrieren dessen, was gehört wurde. Diese musikalischen Zwischenräume sind kein Beiwerk, sondern Teil der ethischen Haltung des Hörbuchs und der Kultur der Menschen: Es zwingt nicht, es lädt ein, es lässt zu.

Immer wieder kehren die Gespräche zurück zu einzelnen Menschen: zu Ehra, dem Mädchen mit den wilden Haaren, das als Bild an Pankoks Wand hängt. Zu Mami Fisili, der Großmutter des Düsseldorfer Heinefelds. Zu Raklo, dem blonden deutschen Jungen, der bei den Sinti ein Zuhause fand und früh im Krieg starb. Diese Erinnerungen machen sichtbar, was Statistik nie leisten kann: das gelebte Leben, das Abgebrochene, das Unabgegoltene.

„Menschenbilder – Wider das Vergessen“ ist kein bequemes Hörbuch. Es ist auch kein rein historisches. Es wirkt bis in die Gegenwart hinein, dorthin, wo Vorurteile fortbestehen, wo Armut individualisiert, Schuld verschoben und Verantwortung verweigert wird. Das Hörbuch widerspricht dem hartnäckigen Wunsch, diese Geschichte möge endlich verschwinden. Es besteht darauf, dass Erinnern keine Last ist, sondern eine Verpflichtung.

Wer dieses Hörbuch hört, hört nicht nur zu.
Er oder sie wird angesprochen - als Mensch ...



https://www.netgalley.de/catalog/book/782055




Januar 27, 2026

Die Stunden …

 lautete der ursprüngliche Titel von Mrs Dalloway - einem Stück Weltliteratur, aus der Feder von Virginia Woolf. Er wird zur Gattung der experimentellen Literatur gezählt, da die Autorin neue Wege der Darstellung beschritten hat. Die äußere Handlung ist ein Tag im Leben einer Dame aus der Britischen Oberschicht, die Vorbereitungen für ein Dinner trifft, das am gleichen Abend stattfinden soll. Die Rahmenhandlung gibt Einblicke über die einzelnen Stunden dieses Tages - doch das Wesentliche findet in den Gedanken und Reflexionen der Protagonistin statt. Anhand scheinbar trivialer Begebenheiten erzählt Woolf die Gedanken einer Frau und eines Lebens, denen sie mit Akribie folgt.

Ich gebe zu, dass das Lesen des Buches eine Herausforderung für mich ist. Es scheint, dass der Leser, die Leserin von heute mit den detailreichen Facetten des Romans überfordert ist. Scheinbar fehlt es mir an der Zeit oder der Bereitschaft, die es braucht, um schwierigen eigenen und fremden Interessen, sprich Gedanken nachzugehen. Für mich ist der Film The Hours - Von Ewigkeit zu Ewigkeit deshalb eine große Hilfe, um einen Einstieg in das komplizierte Geflecht der Gedanken und Gefühle von Mrs Dalloway zu finden.

In der ARD Mediathek lese ich dazu, „dass ausgehend von Virginia Woolfs Roman 'Mrs. Dalloway', die Geschichten dreier Frauen entfaltet werden, die zu verschiedenen Zeiten leben, deren Schicksale aber durch das Buch, das einen Tag im Leben einer Frau beschreibt, miteinander verwoben sind.“ Der Film aus 2003 wird von wunderbaren Schauspielerinnen und Schauspielern getragen. Es sind, um nur drei von ihnen zu nennen: Meryl Streep, Julianne Moore und Nicole Kidman.

Der Link zum Film: https://www.ardmediathek.de/video/the-hours-von-ewigkeit-zu-ewigkeit/the-hours-von-ewigkeit-zu-ewigkeit/one/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLXNvcGhvcmEtZjk0MzFmODktMjFjMy00Yjg5LTlkOGUtOTJhOWUxMzlhMDU2


Vielleicht hat mir das Buch auch deswegen Schwierigkeiten bereitet, weil die Gestaltung - im Rahmen eines Semesterprojekts des Kommunikationsdesigns der Burg Giebichenstein, Kunsthochschule Halle, in Kooperation mit der Büchergilde Gutenberg entstanden - als außergewöhnlich zu bezeichnen ist. Die Illustrationen sind gewöhnungsbedürftig, das Seitenlayout ähnelt einer zu eng beschriebenen Schreibmaschinenseite und auf eine Seitenangabe wurde komplett verzichtet. Stattdessen wurde eine Uhr gewählt, die sich am Tagesverlauf orientiert. Der Fortschritt der Zeiger ist die einzige Orientierungshilfe im Verlauf des Tages und des Buches.


In der „preiswerten“ Ausgabe des Anaconda Verlags finde ich die Orientierung, die mir als Leserin mehr zusagt. Das Buch ist klein und handlich und regt mich stärker dazu an, für mich relevante Stellen im Internet zu recherchieren. Hier weist das obige Buch der Büchergilde ein „Zuviel“ auf,  da die Fußnoten für meinen Geschmack zu zahlreich sind und meinen Gedankenfluss stören.

Ist meine Einschätzung des Buches zu negativ? Vielleicht. Aber mir ist wieder bewusst geworden, wie sich Lesegewohnheiten auf den Genuss einer Lektüre, eines Buches auswirken. Der  Reiz des Lesens ist für mich unbedingt, dass ich eigene Bilder und Vorstellungen entwickeln kann, dass ich nicht bevormundet werde. Vielleicht hat mich deshalb der Film The Hours so berührt. Es sind leise Bilder, die Geschichten erzählen, ohne, dass sie meiner Phantasie Zügel anlegen.



Januar 21, 2026

Eiszeit

 

Die weltpolitische Lage kommentiere ich hier nicht. Über das Wetter reden, geht immer. Wir im Norden, bibbern bei Minusgraden durch den Tag, aber: es wäre Jammern auf hohem Niveau. Denn die Sonne scheint fast den ganzen Tag, was den Gute-Laune-Pegel erfreulich hochhält. Die Aufenthalte Draußen sind begrenzt auf Hunderunden und kurze Gartenepisoden. Was liegt also näher, als sich mit der heimischen Bibliothek zu befassen und in den Regalen und auf den Arbeitstischen „aufzuräumen“. In erster Linie dient dieses Aufräumen natürlich meiner eigenen Erbauung, welche Schätze werde ich in den Stapeln finden, die meiner Aufmerksamkeit entgangen sind? Wo ist die nächste gute Geschichte, in die ich versinken möchte. Und natürlich wurde ich fündig. Ich werde immer fündig. Dieses Mal fand ich einen Roman, mit einem merkwürdig langen Titel, der mich neugierig machte. Voila, hier stelle ich ihn euch vor:


Das "Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland" ist alles andere als ein „normales“ Handbuch für Reisende. Sarah Brooks hat kein Reisehandbuch geschrieben, sondern einen Fantasy-Abenteuerroman, der mitsamt seiner Leserschaft immer wieder ins Mystische des ausgehenden 19. Jahrhunderts abtaucht.

Die Handlung dreht sich um - und spielt im Transsibirien-Express, dessen Route durch die gefährliche Wildnis des „Ödlands“ verläuft. Dieses geheimnisvolle Ödland ist eine gefährliche Wildnis, die zwischen China und Russland verortet wird. Das fiktive Ödland, das nichts weniger ist als eine alternative Realität, steckt volle Rätsel und zieht Reisende seit vielen Jahren in seinen Bann. Es ist besiedelt von furchterregenden Kreaturen, nie gesehenen Naturphänomenen und bemerkenswerten Lebensformen, die den Zug, die Besatzung und seine Passagiere in Atem halten.

Die Geschichte erzählt von einer Gruppe unterschiedlicher Passagiere und der Crew des Zuges. Alle sind noch angespannter als sonst, da alle Erinnerungen an die vorherige Reise auf mysteriöse Weise verschwunden sind. Sicher scheint nur, dass bei der letzten Durchquerung des Ödlands etwas schrecklich schiefgelaufen ist. Doch warum spricht niemand darüber?

Die Hauptfiguren sind:

Weiwei, das Zugkind, ein junges Mädchen, das auf dem Zug geboren wurde und dort ihr ganzes Leben verbracht hat.

Maria, eine Frau mit einer geliehenen Identität, die nach Antworten über ihren Vater sucht.

Henry Grey, der Naturforscher, der in Ungnade gefallen ist und der nach Wiedergutmachung sucht.

Und andere Mitreisende, wie die Gräfin oder der Professor - und Elena.

Die Handlung ist dicht und voller Geheimnisse. Sie konzentriert sich stark auf die Passagiere und die Besatzung des Zuges, die zusammenarbeiten müssen, um die Reise zu überleben. Die Atmosphäre während der Fahrt, die Geschichten, die gewoben werden, sind berührend und ziehen den Leser/ die Leserin in ihren Bann, während das Unerklärliche droht, in den Zug einzudringen und sie alle zu verschlingen. Das Buch zeigt großartige Charaktere, die alle mit ihrem ganz persönlichen Geheimnis reisen und zeichnet eine teilweise magische, übernatürliche Atmosphäre.

Wäre ich gerne mitgefahren? Ja, ich glaube schon. Alleine die Möglichkeit, ein Wesen wie Elena kennenzulernen, wäre zu verlockend.





Januar 15, 2026

Über das Sehen

 

Immer mal wieder lese oder höre ich in letzter Zeit Berichte über die negative Lebensgestaltung oder Lebensführung des Schriftstellers, Malers und Dichters Hermann Hesse. Es sind Andeutungen, Berichte, Randbemerkungen. Quellen kann ich keine nennen, da es oft ein flüchtiges Aufblitzen in Medien ist. Es sind Momentaufnahmen, kaum greifbar und doch spürbar

Sie haben mich unangenehm berührt. Nicht genug, um ihnen Gewicht zu geben, aber genug, um innezuhalten. Denn mit ihnen stellt sich eine Frage, die größer ist als ihr Anlass:
Müssen Menschen, deren Werk wir lieben, deren Worte uns einmal oder noch getragen, getröstet oder verwandelt haben, automatisch auch „gute Menschen“ auf unserer persönlichen Werteskala sein?

Will ich diesen Berichten folgen und über einen Menschen urteilen, den ich nicht persönlich kenne? Will ich den Gedanken einiger folgen, die einen anderen Menschen aus der zeitlichen Distanz heraus beurteilen, ihn verurteilen?

Heute entscheide ich mich für diese, seine Gedanken:


Es ist nicht unsere Aufgabe, einander näher zu kommen,
so wenig wie Sonne und Mond zueinanderkommen
oder Meer und Land.

Unser Ziel ist, einander zu erkennen
und einer im anderen das zu sehen,
was er ist:
des Anderen Gegenstück und Ergänzung.

Hermann Hesse



Und du? Was erwartest du von den Menschen, deren Worte dich begleitet haben?

Müssen sie gut sein, damit ihr Werk dir etwas sagen darf? Oder genügt es, dass es dich berührt,
dass es dich ein Stück weitergetragen hat? Vielleicht liegt darin eine leise Freiheit: Wer erkennt, muss nicht verurteilen, darf Dinge auch stehenlassen.

Und manchmal genügt es, wenn ein Werk bleibt. 

Auch dann, wenn der Mensch dahinter nicht makellos war.



Januar 12, 2026

Schnee

 



Dieser Winter hat uns als späte Weihnachtsgabe (oder war es als Neujahrssegen gedacht ?) doch noch mit Schnee beglückt. Ich gestehe, dass der Winter nicht meine bevorzugte Jahreszeit ist. Er ist wichtig für Mutter Erde und als Stille und Innehalten - in mir sehr willkommen. Meine innere Uhr und ich, registrieren jedoch jede Minute, die die Tage nun wieder länger werden.  


Deshalb, und vielleicht einer gewissen Struktur folgend, gedenke ich den Schneetagen, die hier oben im Norden so selten sind.



In der Stille der Nacht,

fällt lautlos der Schnee,

wir halten uns die Hände -

schweigend.

Welch ein Konzert!



Li Gü- H`si *


* wurde im Jahre 937 als sechster Sohn des 2. Herrschers der Südlichen T'ang-Dynastie geboren. Wer gerne mehr Informationen zu diesem Dichter lesen möchte, empfehle ich die ausführliche Abhandlung von Alfred Hoffmann, "Die Lieder des Li Yü". Sie sind unter dem folgenden Link zu finden: https://www.oaw.ruhr-uni-bochum.de/mam/slc/content/hoffmann_li_yu.pdf


Januar 06, 2026

Leselust

Irgendwann im Sommer des letzten Jahres habe ich die „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ von Haruki Murakami gelesen. In Rezensionen lese ich, dass es „ein später Roman“ ist. Murakami greift ein Thema auf, das ihn schon früh beschäftigte. Der Roman basiert auf einer Erzählung, die er 1980 in einem Literaturmagazin veröffentlichte.  Nun, viele Jahre später, hat er diese Geschichte in ein umfassendes, vielschichtiges Werk verwandelt. Ein Werk, in dem Realität und Erinnerung, Jugendliebe und Identität, Zeit und Traum ineinanderfließen.

Quelle: OpenAI’s ChatGPT, Januar 2026

Ein namenloser Erzähler erinnert sich an eine Jugendliebe – ein Mädchen, das ihm von einer seltsamen Stadt hinter einer Mauer erzählt. Als sie verschwindet, macht er sich auf, diese Stadt zu suchen. Jahre später - er ist nun Bibliothekar in einer kleinen Stadt, wird er erneut mit dem Geheimnis dieser Stadt und seinen Gefühlen für das Mädchen konfrontiert.

Die ungewisse Mauer steht nicht nur für eine physische Grenze, sondern für eine metaphysische Trennung zwischen dem, was war, und dem, was niemals ganz sein durfte. In der geheimnisvollen Stadt, die vielleicht nur im Innern existiert, werden Schatten eingesperrt, Gefühle abgeschliffen. Die Stadt ist ein Ort der Erinnerungslosigkeit, aber auch der Klarheit und des Schmerzes. Und doch zieht es ihn dorthin, wieder und wieder.

Ich denke, die Mauer trennt nicht nur zwei Orte, sondern Zustände des Seins: Bewusstsein und Unterbewusstsein, Leben und Traum, Jugend und Reife. Schatten sind mehr als Projektionen, sie sind Träger des Ichs. Murakami scheint zu fragen: Was bleibt von uns, wenn wir unsere Erinnerungen verlieren? Ist Liebe möglich, jenseits unserer persönlichen Geschichte? Für ihn ist Literatur ein Portal. Bücher und Bibliotheken sind Tore und Orte, an denen sich Welten überlagern.



Das Mädchen, von dem die Rede ist, ein Wesen wie aus Licht und Nebel, scheint zu wissen, dass sie nicht ganz von dieser Welt ist. Und doch: Ihre Liebe, ihr Blick, ihr Schmerz, alles ist real. Oder sogar wirklicher als die Alltäglichkeit, die der Erzähler später erlebt.

Sie ist nicht nur eine Jugendliebe. Sie ist eine Schwellenhüterin, eine Figur, die aus der Anderswelt kommt und wieder dorthin verschwindet. Man könnte sie fast wie eine literarische Muse oder einen Archetyp lesen – ein Mädchen aus dem Traum, das selbst weiß, dass sie Traum ist, und sich dennoch nach einer „Existenz“ sehnt, die sie nie ganz haben darf. Kann ein Mädchen wissen, dass es nur ein Traum ist? Diese Frage ist mehr als nur eine gedankliche Spielerei, sie ist ein poetischer Katalysator für das, was Murakamis Erzähler zu erkennen beginnt: Dass Wirklichkeit und Traum nicht Gegensätze sind, sondern Schichten einer einzigen, vielstimmigen Realität.

In Murakamis Welt ist die Frage nach Realität keine Entscheidung, sondern ein Kontinuum. Er fragt nicht: „Ist das real?“ Sondern: „Wie fühlt es sich an, wenn das Reale sich wie ein Traum bewegt?“

Und der Erzähler? Wer Freude an vielgestaltigen Realitäten hat, wer den magischen Realismus mag, wird sich sein eigenes Bild machen wollen. „Vielleicht ist der Erzähler nur ein Gedankenkonstrukt der Stadt …“

Im Geiste des Shintō ***, wo alles beseelt ist, Steine, Nebel, Wörter, könnte man sagen: Die Stadt träumt ihren Erzähler. Sie braucht ihn, um sich selbst zu erinnern.


*** Shintōistische Lesart: Im Shintō ist alles durchdrungen von kami, Geister, Prinzipien, Kräfte.

Ein Ort wie die Stadt hinter der Mauer könnte ein solcher kami sein: nicht „Gott“ im westlichen Sinne, sondern eine energetische Präsenz, ein Bewusstsein. Vielleicht ist der Erzähler ihr Werkzeug, ihr Blick, ihr Spiegel. Er fragt sich, woher er kommt, wer er ist, warum er dieses Mädchen nicht vergessen kann. Aber was, wenn es die Stadt ist, die sich nach ihrer eigenen verlorenen Stimme sehnt? Und sie formt diesen Erzähler, wie ein Wald den Wind formt, der durch ihn zieht.


Die Stadt und ihre ungewisse Mauer. Übersetzt von Ursula Gräfe. DuMont Buchverlag, Köln 2024


Januar 04, 2026

Verlieren in Geschichten




"Vielleicht würde doch noch alles gut werden, vielleicht auch nicht. Jedenfalls hatte sie jetzt ihren Namen, einen, der nur ihr gehörte und keinem sonst." 

So lautet der letzte Satz aus Haruki Murakamis Geschichte "Der Affe von Shinagawa". Es ist die letzte Geschichte aus dem Buch "Blinde Weide, schlafende Frau", aus Murakamis Geschichtensammlung. Ein kleines Feuerwerk wird gezündet von einem Autor, den ich selbst lieber in seinen Romanen lese, die oft nicht von dieser Welt zu sein scheinen und doch überraschend bodenständige Elemente aufweisen. 

Murakami sagt in seinem Vorwort zu diesem Buch: "... Im Wesentlichen verstehe ich mich als Romancier; viele Leute sagen mir jedoch, sie zögen meine Kurzgeschichten meinen Romanen vor. Das stört mich nicht, und ich versuche auch nicht, sie vom Gegenteil zu überzeugen. ..." 

Eine Aussage, die mich fasziniert, weil sie mich auf meinem eigenen Weg des Schreibens begleitet. Es ist nicht wirklich wichtig, welcher der beiden Literaturgattungen man den Vorzug gibt, das macht auch der Autor deutlich. Es ist - nicht nur für mich - die Freude an Murakamis Fabulierkunst, die begeistert. Ich liebe seine zauberhaften Geschichten, seine Wunder und  das nicht alltägliche, das man nicht kennt und das doch in jedem von uns schlummert. Sein magischer Realismus, die fantastischen Ereignisse, die stillen Momente, die er beschreibt, machen das Lesen zu einem Genuss, von dem ich mir mehr wünsche.









btb Taschenbuchausgabe,  Random House GmbH, München, September 2008

Aus dem Japanischen
von Ursula Gräfe 




Eismond, Wintermond, Hartung oder Wolfsmond

 



  Vollmondenergie im Januar 2026

Gefrorener Boden, Schnee, Eis und Kälte – die Arbeit Draußen ruht. Wer kann zieht sich zurück in warme Häuser und/ oder seine ganz persönlichen Rückzugsräume.

Die ersten Tage des neuen Jahres sind bedeutungsvoll, magische Momente, Omen. Ich beobachte den Himmel und das Wetter mit großer Aufmerksamkeit, denn wer weiß, was man alles erkennen kann - in einem weißen Himmel und weißen Flocken... Sind Hinweise auf den weiteren Verlauf des Jahres möglich oder prosaisch, Ausblicke auf kommende Wetterlagen?

Der Vollmond im Januar 2026, auch Wolfsmond genannt, steht traditionell im Zeichen von Neuanfang, Reflexion und Loslassen. Die Energie dieses Vollmonds bietet die Gelegenheit, emotionalen Ballast, alte Muster und unerwünschte Geschichten aus dem vergangenen Jahr loszulassen, um Platz für neue Vorhaben zu schaffen.

Da dieser Vollmond im Sternzeichen Krebs steht, einem Wasserzeichen, das eng mit Emotionen, Zuhause und Familie verbunden ist, werden Gefühle intensiviert. Tiefe emotionale Erkenntnisse sind möglich, und das Hören auf das Bauchgefühl tut gut.

Der Mond ist der Erde heute besonders nahe, ein Supermond, dessen Energien intensiv und kraftvoll empfunden werden.

Der Name "Wolfsmond" bezieht sich auf heulende Wölfe in kalten Winternächten. Spirituell damit verbunden sind Themen wie Gemeinschaft, Zugehörigkeit, Instinkt und die innere Stärke, den eigenen Weg zu finden.


 

Es gibt viele Geschichten und Mythen über diese Zeit und ihre Wölfe. Aus Gründen des Respekts und des engen Copyrights (auch, was Verlinkungen auf Blogger betrifft) verzichte ich hier auf eine Wiedergabe und hoffe trotzdem, euer Interesse geweckt zu haben.




Dezember 24, 2025

Frohe Weihnachten

 

Ein Lieblingsgedicht aus meinen Kindertagen findet heute seinen Weg auf meinen Blog. Anna Ritter hat es geschrieben und ich schicke es hier in die Welt - für alle alten und jungen Kinder:


Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen!
Es kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee,
mit rotgefrorenem Näschen.

Die kleinen Hände taten ihm weh,
denn es trug einen Sack, der war gar schwer,
schleppte und polterte hinter ihm her.

Was drin war, möchtet ihr wissen?
Ihr Naseweise, ihr Schelmenpack –
denkt ihr, er wäre offen der Sack?

Zugebunden bis oben hin!
Doch war gewiss etwas Schönes drin!
Es roch so nach Äpfeln und Nüssen!







Juni 29, 2025

Zuerst las ich "nur" ein paar Zeilen

des mexikanischen Schriftstellers Miguel Ruiz

“Jeder Mensch ist ein Künstler. Der Traum vom Leben ist es, eine schöne Kunst zu erschaffen.”

* * * Miguel Ángel Ruiz * * *

Miguel Ángel Ruiz ist ein mexikanischer Forscher und Schriftsteller – und er ist ein Nachkomme der Tolteken. Sein bekanntestes Werk "Die vier Versprechen", ist eine Zusammenfassung des Wissens und Leitfaden der Lehren der Weisheit seiner Vorfahren. In seinem Buch zeigt er die Ursprünge auf, nach denen die Tolteken zu leben strebten. 

Wie lauten diese vier Versprechen, von denen man sagt, dass sie eine Formel für mehr Zufriedenheit seien? Don Miguel Ruiz's Buch basiert auf der alten Weisheit der Tolteken und bietet eine einfache, aber tiefgreifende Lebensphilosophie. Es geht darum, bewusste Entscheidungen zu treffen, um alte, begrenzende Überzeugungen und Verhaltensweisen abzulegen und ein erfülltes Leben zu leben.

1. Sei untadelig mit deinem Wort

Dies ist ein Hauptsatz. Es bedeutet, dass wir Worte bewusst und mit Integrität wählen. Wir sollen die Wahrheit sprechen und Worte weder gegen uns selbst noch gegen andere verwenden. Worte tragen in sich eine große schöpferische Kraft; sie können heilen oder verletzen, aufbauen oder zerstören. Wenn wir untadelig mit unseren Worten sind, schaffen wir eine Realität, die uns und den Lebewesen um uns herum dient.

2. Nimm nichts persönlich

Dieses Versprechen lehrt uns, dass nichts, was andere tun, wegen uns geschieht. Jeder Mensch handelt aufgrund seiner eigenen Erfahrungen, Überzeugungen und Ängste. Wenn jemand uns kritisiert, lobt oder uns ärgert, spiegelt das seine eigene innere Welt wider, nicht unsere. Indem wir nichts persönlich nehmen, schützen wir uns vor unnötigem Leid und bleiben emotional unabhängig von den Meinungen anderer.

3. Mach keine Annahmen

Wir neigen dazu, Annahmen über das zu machen, was andere denken, fühlen oder beabsichtigen, und behandeln diese Annahmen dann als Fakten. Dies führt oft zu Missverständnissen, Konflikten und Enttäuschungen. Stattdessen sollten wir  Fragen stellen und Dinge klären, die wir nicht verstehen. Wenn wir aufhören,  Annahmen zu machen, verbessert sich unsere Kommunikation und wir können lernen, Dramen zu vermeiden.

4. Gib immer dein Bestes

Dieses Versprechen ist die praktische Anwendung der ersten drei. Es geht darum, in jeder Situation dein "Maximum" zu geben, aber zu verstehen, dass unser  "Bestes" von Tag zu Tag und von Moment zu Moment variieren kann – abhängig von unserer Energie, Stimmung oder den Umständen. Wichtig ist, dass das Beste zu geben, ohne sich selbst zu verurteilen - oder zu bereuen, was wir getan haben. 

Die Idee hinter den vier Versprechen ist, dass wir durch das Befolgen dieser Prinzipien negative Gedankenmuster durchbrechen, Ängste überwinden und ein Leben voller Freude und Freiheit gestalten können.

*****

Es ist eine Zeit, um Pläne zu schmieden, gründlich nachzudenken und dem Wissens- und Schaffensdrang einen offenen Raum zu geben. Sich begeistern zu lassen von Büchern, einer Kunstausstellung (Achtung Sommerloch) oder anderen anregenden Aktivitäten. Die Zeitqualität macht Lust auf´s  Reisen und Ausflüge, um neue Inspirationen und Ideen zu entwickeln.

PS:


VIELLEICHT HAT SICH EIN UNSICHTBARER TEIL

 

Vielleicht hat sich ein unsichtbarer Teil

von uns selbst in diesen Blumen geöffnet.

 

Verwirrung, Verlangen und Furcht sind

ausgelöscht für einen Augenblick;

Tod ist ausgelöscht, für die Zeit einiger

Schritte am Wiesenrand.

 

(Philippe Jaccottet)



 


Juni 22, 2025

Das Ankommen und Weitergehen



Schon werden die Tage wieder länger. In wenigen Tagen beginnt der Juli und wir sind auch kalendarisch in der zweiten Jahreshälfte angekommen. Litha. Es ist eine Einladung,  sich der Sonne und ihrer tiefen Heilkraft zu öffnen. Ich bin bereit, mich von ihrem Licht berühren zu lassen. Nicht brennend, sondern mit Güte, mit Mut und Geduld. 

Ich habe gestern ein stilles Sonnenwendfest gefeiert. Dazu habe ich Kerzenlicht eingeladen, das mit dem Tanz der Flamme, die an die Stärke und Kraft des Lichts erinnert,  die Seele stärkt. Ich habe ein paar Orakelkarten zu mir kommen lassen, aus dem "Seasons of the Witch Oracle". Noch erzählen die Karten von Bewegung und Neubeginn und ich lasse mich zu gerne berühren, von ihrer Botschaft. 



Schon bald im Jahresrad heißt es: Ich lasse los, was gehen will und soll. Ich gebe Raum, damit Neues zu mir findet. Die Ruhe das Nachklingen ist auch eine Einladung an das Leben. Ich verliere nichts.







Juni 15, 2025

Verboten, verbannt –

 und doch lebendig

Ein Hymnus an die Bücher, die man nicht lesen soll – und gerade deshalb lesen muss

Es beginnt mit einem Rascheln, kaum hörbar. Ein Windstoß zwischen den Seiten der Welt.
Ein Buch wird aus dem Schulregal genommen, ein anderes aus der Stadtbibliothek entfernt.
Begründung: „Unangemessener Inhalt.“


Doch was ist unangemessen? Ein Kuss zwischen zwei Jungen? Ein Gedicht, das von Widerstand erzählt? Ein Mädchen, das laut denkt? Ein Schwarzer Junge, der Geschichte schreibt?

Man nennt sie banned books, doch sie sind nichts anderes als Spiegel.
Und Spiegel, so wusste schon Perseus, können gefährlich sein – besonders für jene,
die sich nicht erkennen wollen.

In den Vereinigten Staaten flammt die Zensur wie ein kaltes Feuer auf. Schulbehörden streichen Werke, die von Identität, Herkunft, Geschlecht, Haut, Hunger und Herz sprechen. Und mit jeder Entfernung wächst ihr Leuchten. Denn Bücher, die verboten werden, tragen oft das Licht, das die Welt braucht.

Doch wir erinnern uns. Wir Leserinnen, wir Träumer, wir Sammler der Zwischenworte. Wir wissen: Ein verbanntes Buch ist ein Siegel, das sagt: „Hier spricht Wahrheit. Hier liegt Kraft. Hier darfst du dich selbst erkennen.“


Hier seht ihr meine „Schwarze Liste der leuchtenden Bücher“, eine Bibliothek der Unbeugsamen, der Mutigen, Verboten aber Unsterblich.

Hier nur eine kleine, unvollständige Galerie der gefährlichen Bücher – weil sie Menschen wecken:

  1. "1984" von George Orwell
    – Weil es zu deutlich mahnt. Weil es zu genau sieht.
    „In Zeiten universeller Täuschung ist das Aussprechen der Wahrheit ein revolutionärer Akt.“
  2. "Das Tagebuch der Anne Frank"
    – Weil ein junges Mädchen nicht schweigen wollte.
    Und weil ihre Stimme, zart und glasklar, den Hass überdauert.
  3. "The Handmaid’s Tale" von Margaret Atwood
    – Ein rotes Gewand, das Angst macht,
    weil es prophetischer ist, als man zugeben möchte.
  4. "Harry Potter" von J.K. Rowling
    – Weil Magie Angst macht – besonders, wenn sie in Kinderhänden liegt.
    Bücher, die Kinder zum Denken bringen, sind immer ein wenig gefährlich.
  5. Die Bibel (ja, die Bibel!)
    – In manchen Ländern, zu manchen Zeiten,
    weil ihre Worte zu mächtig, zu umdeutbar, zu unkontrollierbar waren.
    Ein Buch voller Feuer, Licht, und Abgründe.
  6. "Gender Queer" von Maia Kobabe
    – Ein visuelles Zeugnis von Identität jenseits der Norm.
    Zensiert, weil es ausspricht, was viele leben.
  7. "The Bluest Eye" von Toni Morrison
    – Weil ein Schwarzes Mädchen sich danach sehnt, gesehen zu werden.
    Und das Weinen der Welt zu laut ist.
  8. "All Boys Aren’t Blue" von George M. Johnson
    – Weil es Jungen zeigt, die weich, stark und queer sein dürfen.
  9. "Stamped" von Ibram X. Kendi & Jason Reynolds
    – Eine Chronik des Rassismus, die lieber nicht unterrichtet wird.
    Denn sie ist zu klar, zu schneidend, zu wach.
  10. "This Book Is Gay" von Juno Dawson
    – Ein Liebesbrief an queeres Leben – und gerade deshalb Ziel von Verboten.
  11. "Looking for Alaska" von John Green
    – Weil Teenager Fragen stellen. Und Bücher Antworten flüstern.
  12. "Fun Home" von Alison Bechdel
    – Ein Haus voller Spiegel, Erinnerungen und Identität.
    Entfernt, weil es ehrlich ist.
  13. "Out of Darkness" von Ashley Hope Pérez
    – Weil es Unrecht benennt, das lieber verschwiegen wird.
  14. "13 Reasons Why" von Jay Asher
    – Ein Echo auf die Stimmen, die sonst keiner hört.

Ein leiser Schlussgedanke:

Wenn ein Buch verboten wird,
dann ist es Zeit, es zu lesen.
Nicht aus Trotz –
sondern aus Liebe zur Freiheit, zur Vielfalt, zum Menschen 

Denn in jedem verbannten Buch
schlägt ein Herz,
das niemand zum Schweigen bringen kann.