Hörbuchrezension
Es gibt Hörbücher, die man hört - und solche, in die man
eintritt. „Menschenbilder – Wider das Vergessen“ gehört zu den
letzteren. Es führt nicht sanft heran, sondern es nimmt einen an die Hand und
führt mitten hinein in ein Kapitel deutscher Geschichte, das lange (und
vielleicht noch immer?) verdrängt, verkürzt oder entmenschlicht wurde. Und doch
steht im Zentrum dieses Hörbuchs nicht das Grauen allein, sondern etwas
anderes, etwas Widerständigeres: der beharrliche Blick auf den Menschen.
Indem es die dunklen Kammern der Geschichte der NS-Diktatur
öffnet ermöglicht es zugleich den Blick auf die stille, leuchtende
Persönlichkeit von Otto Pankok. Sein literarisch-musikalisches Denkmal wurde
gesetzt von Sabine Schiffner, Elke Bader, Jan Rohlfing und vielen anderen,
zugeneigten Menschen.
Dieses Hörbuch entfaltet seine Wirkung zunächst langsam, fast
tastend - aber beharrlich. Es erzählt von Sinti und Roma, von einer
jahrhundertealten Kultur, deren Geschichte und Tradition nur mündlich
weitergegeben wurde. Es erzählt davon, dass Sprache ein Erinnerungsträger ist,
von Begebenheiten, von Namen aus der Welt der Pflanzen und der von Tieren. Es
erzählt davon, dass es in der Sprache der Roma kein Wort für Krieg gibt - ein
Satz, der sich festsetzt und nicht mehr loslässt. Zugleich wird deutlich, wie
aus anfänglicher Neugier einer sogenannten Mehrheitsgesellschaft über die
Jahrhunderte hinweg Verachtung, Ausgrenzung und Gewalt wurde. Der Begriff
„Zigeuner“, der im Hörbuch historisch eingeordnet wird, erscheint dabei als
das, was er ist: eine Fremdbezeichnung, die beladen ist mit Vorurteilen,
Abwertung und Gewalt.
Besonders eindrücklich sind die dialogischen Passagen des
Hörbuchs. Gespräche zwischen Otto Pankok, seiner Frau Hulda, seiner Tochter Eva
und Überlebenden der Sinti und Roma, die sich zu einem vielstimmigen
Erinnerungsraum verweben. Pankoks Stimme ist dabei nicht erhoben, sondern fragend, auch anklagend.
Er berichtet voller Trauer von den Gräueln der nationalsozialistischen
Verfolgung, von Zwangssterilisationen, Internierungen, Deportationen. Er macht
sich selbst starke Vorwürfe, nicht genug getan zu haben. Hulda, seine Frau,
erinnert ihn daran, dass er selbst Berufsverbot hatte, als „entarteter
Künstler“ verfolgt wurde. Und doch bleibt der Schmerz. Eva, die Tochter
wiederum, verweist auf seine Bilder, auf
die Kunst als Mahnmal - als etwas, das bleibt, wenn Worte versagen.
Die Berichte
der Betroffenen sind nur schwer auszuhalten. Eine junge Frau erzählt von Sterilisationen
ohne Betäubung, von den Schmerzen und dem Jammern der Frauen nach dem Eingriff.
Andere berichten von Brandmarkungen, Z, von Lagern, von der Rückkehr nach dem
Krieg und ihrer Angst, erneut interniert zu werden. Der Völkermord an den Sinti
und Roma trägt in ihrer Sprache den Namen Poreimos, das Verschlingen.
Ein grausames Omen.
Zwischen all diesen Stimmen erklingt immer wieder Musik.
Gitarrenklänge, Gesang, Pausen. Die Musik erklärt nichts, sie lässt Raum. Raum
zum Atmen, zum Verstehen, zum Integrieren dessen, was gehört wurde. Diese
musikalischen Zwischenräume sind kein Beiwerk, sondern Teil der ethischen
Haltung des Hörbuchs und der Kultur der Menschen: Es zwingt nicht, es lädt ein,
es lässt zu.
Immer wieder kehren die Gespräche zurück zu einzelnen
Menschen: zu Ehra, dem Mädchen mit den wilden Haaren, das als Bild an Pankoks
Wand hängt. Zu Mami Fisili, der Großmutter des Düsseldorfer Heinefelds. Zu Raklo, dem
blonden deutschen Jungen, der bei den Sinti ein Zuhause fand und früh im Krieg
starb. Diese Erinnerungen machen sichtbar, was Statistik nie leisten kann: das
gelebte Leben, das Abgebrochene, das Unabgegoltene.
„Menschenbilder – Wider das Vergessen“ ist kein bequemes
Hörbuch. Es ist auch kein rein historisches. Es wirkt bis in die Gegenwart
hinein, dorthin, wo Vorurteile fortbestehen, wo Armut individualisiert, Schuld
verschoben und Verantwortung verweigert wird. Das Hörbuch widerspricht dem
hartnäckigen Wunsch, diese Geschichte möge endlich verschwinden. Es besteht
darauf, dass Erinnern keine Last ist, sondern eine Verpflichtung.
https://www.netgalley.de/catalog/book/782055
Ergreifend hast du hier eine Zusammenfassung deiner Eindrücke über das Hörbuch geschrieben.
AntwortenLöschen"....dass es in der Sprache der Roma kein Wort für Krieg gibt."
"Das Hörbuch widerspricht dem hartnäckigen Wunsch, diese Geschichte möge endlich verschwinden. Es besteht darauf, dass Erinnern keine Last ist, sondern eine Verpflichtung."
Respekt und Grüße von Dori
Die Wahrheit hat weder Waffen nötig, um sich zu verteidigen, noch Gewalttätigkeit, um die Menschen zu zwingen, an sie zu glauben.
LöschenSie hat nur zu erscheinen, und sobald ihr Licht die Wolken, die sie verbergen, verscheucht hat, ist ihr Sieg gesichert.
— Friedrich II., der Große (* 24. Januar 1712 in Berlin; † 17. August 1786 in Potsdam)
Danke für diese Vorstellung , du hast es so gut erzählt von was es handelt.
AntwortenLöschenLieben Gruss Elke
liebe Erika wunderbar deine Vorstellung dieses Hörbuches das sehr beeindruckt und stellenweise auch traurig macht wie die seine die sein Leben wohl sehr durch - bestimmt hat...zumindest war das mein Eindruck durch deine Rezension... ich hab mir gleich die Biographie des Malers und Bildhauers in Wikipedia mit den Bildern und Skulpturen angesehen und gelesen, woran diese beeindruckende Persönlichkeit letztendlich starb stand dort nicht...doch alles was er erschaffen hat was man gar nicht in dieser Zeit erwartet hätte...(hochinteressant zu lesen...vielen Dank liebe herzliche Grüße angel
AntwortenLöschenLiebe Erika,
AntwortenLöschenich schätze sehr, wie Du dieses so besondere Hörbuch thematisierst.
Besonders beeindruckt mich, dass es in der Sprache der Roma kein Wort für Krieg gibt - damit schließe ich mich Dori an.
Hörbücher habe ich mit wenigen Ausnahmen vor zwei Jahrzehnten gehört. Doch da diese Stimmen erzählen können, würde mich dieses Hörbuch vermutlich auch sehr ansprechen.
Ich bin jetzt darauf aufmerksam geworden, vielen Dank!
Gerade dieses Wochenende beschäftigt mich sehr, dass wir Grausamkeiten sooft in Bildern zu sehen bekommen. Es besteht, weil uns ja dauernd entsetzliche Nachrichten erreichen, unter anderem die große Gefahr, irgendwann abzustumpfen. Ich glaube, dass im Zuhören tatsächlich soviel tiefere Auseinandersetzung mit den Themen unserer Zeit geschehen kann, ohne dabei ständig zum Voyeur zu werden.
Herzliche Grüße, C Stern