Märchen von der
Unke
Es war einmal ein kleines Kind, dem gab seine Mutter
jeden Nachmittag ein Schüsselchen mit Milch und Weckbrocken, und das
Kind setzte sich damit hinaus in den Hof. Wenn es aber anfing zu
essen, so kam die Hausunke aus einer Mauerritze hervorgekrochen,
senkte ihr Köpfchen in die Milch und trank mit. Das Kind hatte
seine Freude daran, und wenn es mit seinem Schüsselchen da sass und
die Unke kam nicht gleich herbei, so rief es ihr zu:
"Unke,
Unke, komm geschwind,
Komm herbei, du kleines Ding,
Sollst dein
Bröckchen haben,
An der Milch dich laben."
Da kam die
Unke gelaufen und liess es sich gut schmecken. Sie zeigte sich auch
dankbar, denn sie brachte dem Kind aus ihrem heimlichen Schatz
allerlei schöne Dinge, glänzende Steine, Perlen und goldene
Spielsachen. Die Unke trank aber nur Milch und liess die Brocken
liegen. Da nahm das Kind einmal sein Löffelchen, schlug ihr damit
sanft auf den Kopf und sagte: "Ding, iss auch die Brocken."
Die Mutter, die in der Küche stand, hörte, dass das Kind mit jemand
sprach, und als sie sah, dass es mit seinem Löffelchen nach einer
Unke schlug, so lief sie mit einem Scheit Holz heraus und tötete das
gute Tier.
Von der Zeit an ging eine Veränderung mit dem Kinde
vor. Es war, solange die Unke mit ihm gegessen hatte, groß und stark
geworden, jetzt aber verlor es seine schönen roten Backen und
magerte ab. Nicht lange, so fing in der Nacht der Totenvogel an zu
schreien, und das Rotkehlchen sammelte Zweiglein und Blätter zu
einem Totenkranz, und bald hernach lag das Kind auf der
Bahre.
Quelle: Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen, RECLAM, Stuttgart, 2001